03.08.2020 - Kommentare

1,7 Prozent Minuszins? Das starre Notenbank-Weltbild hat fatale Folgen


Notenbanken handeln beharrlich nach einem Wirtschaftsmodell, von dem sie meinen, es bilde die wirkliche Welt ab. Dort aber herrscht radikale Unsicherheit. Diese Lernresistenz hatte bereits fatale Folgen – und weitere dürften bevorstehen.

Die mächtigen Zentralbanken der Welt haben weder die Große Finanzkrise von 2007/08 kommen sehen, noch ist es ihnen nach den damaligen Verwerfungen gelungen, die von ihnen selbst gesetzten Ziele für den jährlichen Anstieg des Konsumentenpreisindex zu erreichen.Der wesentliche Grund dafür ist, dass sie davon ausgegangen sind, die komplexe Welt der Wirtschaft und Finanzen ließe sich in einer einfachen Modellwelt abbilden, in der die Zusammenhänge zwischen wichtigen Größen klar sind und Unsicherheit in messbare Risiken überführt werden kann. Wie ich in meiner vorherigen Kolumne ausgeführt habe, ist dies jedoch ein gravierender Irrtum. In der wirklichen Welt herrscht radikale Unsicherheit, die sich nicht vermessen lässt.

Im Allgemeinen kann man mithilfe der Wirtschaftswissenschaften Wenn-dann-Fragen zum wirtschaftlichen Handeln ganz gut beantworten. Von der geometrischen Erkenntnis, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, kann man zum Beispiel ableiten, dass Menschen zur Erreichung eines wirtschaftlichen Ziels nur dann einen Umweg machen, wenn sich das für sie lohnt. Ist das Ziel der Handlung Konsum, wird man also nur sparen, um über den Umweg der Investition seiner Ersparnisse zum Ziel zu kommen, wenn man auf diese Weise schließlich mehr konsumieren kann. Aus der einfachen Wenn-dann-Frage kann man zur Erkenntnis gelangen, dass der Zins natürlicherweise positiv sein muss. Gibt es keinen Mehrertrag, wird eben nicht gespart, um zu investieren, sondern Geld allenfalls gehortet.

Gegenwärtig versuchen aber viele Zentralbanker und einflussreiche Ökonomen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Zins negativ ist. Statt von einer Wenn-dann-Überlegung leiten sie ihre Überzeugung aus einem gesamtwirtschaftlichen Modell ab, von dem sie meinen, es bilde die Welt ab, so wie sie wirklich ist. Die Welt der Wirtschaft wird jedoch mit einem starren mathematischen Gleichungssystem beschrieben. In dieses Prokrustesbett werden statistische Daten über wirtschaftliche Handlungen gepresst und die in den Gleichungen enthaltenen Parameter mit mathematischen Methoden geschätzt. Daraus leiten die Zentralbanken dann ihre Politik ab.

Isabel Schnabel, die deutsche Exekutivdirektorin bei der Europäischen Zentralbank (EZB), begründete die vom Bundesverfassungsgericht in Zweifel gezogene Politik der EZB auf diese Weise: „EZB-Studien zeigen, dass wir den Leitzins auf circa minus 1,7 Prozent – von derzeit minus 0,5 Prozent – hätten senken müssen, um denselben geschätzten Effekt auf die Inflation zu erzielen wie mit den zusätzlichen Anleihekäufen.“ Und sie versprach: „Laut EZB-Schätzungen erhöhen die Maßnahmen das Wachstum im Euro-Raum zwischen 2020 und 2022 um 1,3 Prozentpunkte und verleihen der Inflation spürbaren Auftrieb.“ Aber die Daten fügen sich so gut wie nie in das Prokrustesbett der Modelle ein, sodass die Gleichungen die Beziehungen eigentlich immer nur unvollständig erklären können. Darüber könnte man vielleicht noch hinweggehen, wenn es nicht zwei schwerwiegende Gründe dafür gäbe, warum die mathematische Modellwelt der Ökonomen kein brauchbares Abbild für die wirkliche Welt bieten kann.

Erstens ist die wirkliche Welt anders als die Modellwelt nicht „stationär“. Die in der Modellwelt als über die Zeit stabil angenommenen Beziehungen verändern sich in Wirklichkeit andauernd. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die als Phillips-Kurve bekannte Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation. Schon früher war sie instabil, und seit der Finanzkrise ist sie zusammengebrochen. Dennoch spielt sie in den Modellen der Zentralbanken weiterhin eine entscheidende Rolle. Zweitens ist die wirkliche Welt anders als die Modellwelt „reflexiv“. Folgen die Zentralbanken den Handlungsanweisungen ihrer Modelle, verändern die Wirtschaftsakteure in Reaktion darauf ihr Verhalten und entziehen dadurch den Handlungsanweisungen den Boden. So bewirken zum Beispiel die von den Zentralbanken aus ihrer Modellwelt abgeleiteten Zinssenkungen einen weitgehenden Umbau der Wirtschaft: Unternehmen, private Haushalte und staatliche Akteure nutzen die niedrigen Zinsen zum Aufbau hoher Schulden.  Weist die Modellwelt nun die Rückkehr zu höheren Zinsen an, würde die Umsetzung dieser Anweisung eine neue Schuldenkrise auslösen.

In der wirklichen Welt, in der die Zentralbanken die Inflation steuern wollen, ist Unsicherheit „radikal“, also nicht messbar. Die Aussagen von Frau Schnabel mögen zwar in der Modellwelt der Ökonomen gelten, sind aber für die wirkliche Welt nicht brauchbar. Folglich dürfte eine Zentralbankpolitik, die sich auf die Modellwelt stützt, für weitere Überraschungen sorgen.

Ende des vergangenen Jahrzehnts kam die Überraschung in Form der Großen Finanzkrise. Welche Überraschungen uns die gegenwärtige Zentralbankpolitik bringen wird, ist schwer zu sagen. Eines dürfte jedoch sicher sein: Je mehr Irrtümer die Zentralbanken begehen und desto klarer sichtbar diese werden, desto mehr wird ihre Glaubwürdigkeit als Hüter des Geldwerts schwinden.

Erschienen am 03. August 2020 in Welt online

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