14.12.2020 - Kommentare

DAX 50 ESG – Mehr grün, weniger Risiko?


Anfang März dieses Jahres ging der neue Nachhaltigkeitsindex DAX 50 ESG an den Start. Just in der Zeit als die Börsen durch die Corona-Pandemie Tag für Tag tiefer in die Knie gezwungen wurden und die Verunsicherung an den Märkten so groß war wie selten zuvor. Die Deutsche Börse als Indexbetreiber hätte den Zeitpunkt für den Start also offenbar kaum schlechter wählen können. War der Begriff der Nachhaltigkeit zuvor omnipräsent, so ging der Start der neuen „Benchmark für nachhaltige Aktienportfolios“ medial komplett unter.

Doch ist Nachhaltigkeit trotz zwischenzeitlicher medialer Abstinenz zweifelsohne einer der Megatrends des Jahrhunderts. Er ist so gewaltig, dass auch die Politik nicht davor Halt macht, über eine umfassende Regulierung der Finanzmärkte mehr Nachhaltigkeit zu erzeugen. So sieht der Aktionsplan „Sustainble Finance“ der EU-Kommission unter anderem vor, dass über eine Taxonomie definiert wird, welche Wirtschaftsaktivitäten als „grün“ oder „nachhaltig“ gelten. Die Tatsache, dass diese Taxonomie bereits nach der Einordnung von Wirtschaftsaktivitäten in zwei von insgesamt sechs Umweltzielen 600 Seiten stark ist, lässt erahnen, dass sich dieses Vorhaben wohlwollend als ambitioniert bezeichnen lässt. Weniger wohlwollend könnte man urteilen, dass in Brüssel gerade ein bürokratisches Monster entsteht, über das sich am Ende allein Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer und Anwälte freuen dürften. Schließlich sieht die Regulatorik ebenso vor, dass Unternehmen künftig intensiv darüber berichten müssen, wie sich ihre nicht-finanziellen Leistungsindikatoren im Einklang mit der Taxonomie entwickelt haben. Dies zu erfüllen, dürfte insbesondere für viele kleinere und mittelgroße Unternehmen eine erhebliche Herausforderung sein. Die Auftragsbücher der genannten Berufsstände dürften daher auf absehbare Zeit prall gefüllt sein.

Nicht weniger anspruchsvoll als das Vorhaben, den Begriff der Nachhaltigkeit allgemeingültig zu definieren, ist ein anderes Ziel, das mit der Neuausrichtung des Finanzmarktes einhergeht: Die Quantifizierbarkeit der Leistung eines Unternehmens im Bereich der Nachhaltigkeit. Dass diese Aufgabe nicht trivial ist, weiß auch die Deutsche Börse. Schließlich ist die gemessene Nachhaltigkeitsleistung ein Gewichtungsfaktor bei der Zusammenstellung des neuen Index. Die entsprechenden Daten erhebt sie jedoch nicht eigenhändig, sondern greift hierbei auf die Dienste der ESG-Ratingagentur Sustainalytics zurück. Diese prüft die Leistung der Unternehmen in den Bereichen E(nvironmental), S(ocial) und G(overnance) und verdichtet die erzielten Scores anschließend auf einen einzelnen Punktwert. Für Anleger sollte die Berücksichtigung der ESG-Performance bei der Investmentanalyse lohnend sein, so die Anhänger grüner Geldanlagen. Das Investitionsrisiko grüner Geldanlagen ist geringer, da Nachhaltigkeitsrisiken zusehends der dominierende Faktor bei der Investitionsbeurteilung werden. Um das Investitionsrisiko zu bestimmen, wird in der empirischen Kapitalmarktforschung häufig das sog. Capital Asset Pricing Model (CAPM) herangezogen. Kurzgefasst, misst dieses Model die Schwankungsanfälligkeit eines Wertpapiers im Vergleich zum Markt.

Gemeinsam mit meinen Forschungskollegen Jan Christ und Jannik Kocian sind wir der Frage nachgegangen, inwiefern die Unternehmen, die Mitglied im DAX 50 ESG sind, ein geringeres Investitionsrisiko aufweisen als die übrigen Unternehmen im HDAX, aus dem der DAX 50 ESG herausgefiltert wird.1 Es zeigt sich jedoch kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Unternehmen, die Mitglied im DAX 50 ESG sind und den übrigen Unternehmen. Hierbei geht weder vom absoluten Niveau der Nachhaltigkeitsleistung noch von der Veränderung der ESG-Performance ein statistisch signifikanter Einfluss aus.

Wie lässt sich das erklären? Spielen die Anstrengungen der Unternehmen im Bereich ESG für Investoren überhaupt keine Rolle? Das wäre für die derzeitigen politischen Bemühungen für mehr „Green Finance“ ein Schlag ins Kontor. Ganz so einfach ist es dann aber wohl doch nicht. Das Problem liegt in der mangelnden Messbarkeit der relevanten ESG-Leistung. Steigert etwa ein Unternehmen seine Energieeffizienz, so ist dies nicht nur für die Umwelt positiv, sondern ebenso für den ausgewiesenen Gewinn. Ebenso bestraft der Kapitalmarkt Unternehmen, die gegen Umweltstandards verstoßen oder Arbeitnehmerrechte verletzen. Fehlt es an einem integren Management, anreizkompatiblen Vergütungssystemen oder effektiver Kontrolle durch den Aufsichtsrat, wird die Unternehmensentwicklung mit großer Sicherheit leiden. Doch welchen Einfluss auf den ESG-Score hat eine Steigerung der Energieeffizienz bei gleichzeitig abnehmender Diversität im Vorstand? Ist eine Steigerung des Quotienten von Auszubildenden an der Gesamtbelegschaft um zehn Prozent im Verhältnis zu einer Steigerung des Wasserverbrauchs um ein Prozent in Summe gut oder schlecht? Das zu beantworten ist schlicht unmöglich. Ratings, die bisweilen über eine schablonenhafte Bewertungssystematik verfügen, versprechen jedoch genau das. Sie verkennen die Komplexität eines Unternehmens und die Interdependenzen zwischen einzelnen Variablen und täuschen somit Scheingenauigkeit vor.

Im Ergebnis ergibt sich im konkreten Fall ein Index, der viel verspricht, aber kaum etwas halten dürfte. Er konterkariert damit die Bemühungen derjenigen, die es wirklich ernst meinen mit den grünen Finanzmärkten. Um zu der Einschätzung zu gelangen, dass es sich beim neuen DAX 50 ESG kaum um ein geeignetes Investment für Öko-Puristen handeln kann, bedarf es aber keiner fortgeschrittenen Kapitalmarktforschung. Ein schlichter Blick auf die Indexmitglieder zeigt, dass „der neue Maßstab für nachhaltige deutsche Aktienportfolios“ vornehmlich aus altbekannten DAX-Größen besteht. Somit ist der Index in erster Linie eins: Eine Möglichkeit für den Indexbetreiber, um politisch protektioniert auf dem dynamisch wachsenden Markt für „nachhaltige“ Anlagen nachhaltig Geld zu verdienen. 


1 Der Beitrag mit dem Titel „DAX 50 ESG – Mehr grün, weniger Risiko?“ erscheint demnächst in der Zeitschrift Corporate Finance.

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