23.12.2021 - Kommentare

Der wankende Hegemon

von Thomas Mayer


Zur Weltherrschaft braucht es Willen zur Macht – und zwar auf eine andere Weise als Friedrich Nietzsche es verstanden hat. Religion kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Was aber, wenn sie verblasst?

Contra Calvin

In seinem jüngst veröffentlichten Buch Religion and the Rise of Capitalism (https://scholar.harvard.edu/bfriedman/religion-and-rise-capitalism) zeigt der Ökonom Benjamin Friedman, wie sich Wille und Macht aus der (von Max Weber so genannten) protestantischen Ethik heraus zunächst in Großbritannien zur Zeit der Aufklärung entwickelten und später in die USA exportiert wurden. Für in der lutherischen Tradition stehende deutsche Leser ist es vielleicht überraschend, dass diese Entwicklung nicht in der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, sondern mit der Calvinistischen Prädestinationslehre entstand.

An die Lehre von Augustinus anknüpfend glaubte der französisch-schweizerische Reformator Calvin, dass aufgrund des biblischen Sündenfalls das Schicksal aller Menschen vorherbestimmt sei. Die meisten wären verdammt und nur wenige von Gott auserwählt. Daran könne auf Erden keiner etwas ändern. Geistliche der anglikanischen Kirche, die ursprünglich Calvins Lehre übernommen hatte, widersetzten sich dieser Version des Protestantismus. Dabei beriefen sie sich auf den holländischen Theologen Jacob Arminius, der zwar in der Calvinistischen Lehre erzogen worden war, aber der absoluten Prädestination widersprach. Unabänderliche Verdammnis auf ewig sei wohl kaum mit dem christlichen Menschenbild vereinbar, so die Reformatoren der Reformation. Jeder hätte sein Schicksal selbst in der Hand und könne zur Erlösung kommen.

Auch die Eigenliebe werde von Christus gutgeheißen, sofern sie nicht stärker als die Nächstenliebe sei. Insofern sei nichts Verwerfliches daran, wenn der Mensch in diesem Rahmen seinen Eigennutzen verfolge, denn dadurch entstünde Nutzen für alle. Anfang des 18. Jahrhunderts macht der Arzt Bernard Mandeville mit der in eine Fabel über Bienen verpackten These Furore, dass eigennütziges Verhalten die Gesellschaft als Ganzes weiterbringen könne. Mancher Zeitgenosse fühlte sich davon provoziert. Doch die Idee der unvorhergesehenen positiven Konsequenzen eigennützigen Verhaltens hatte Zugkraft.

Die Entstehung des Homo Oeconomicus

Ein paar Jahrzehnte später bettete der Moralphilosoph Adam Smith die These vom allgemeinen Nutzen des Eigennutzes in die Vorstellung ein, dass die dem Menschen als sozialem Wesen mitgegebene Sympathie für andere eigennütziges Verhalten begrenzen würde. Weil Eigennutz in der Regel nicht auf Kosten des Mitmenschen gehe, könne er seine positive Wirkung für die Gesellschaft entfalten. Diese Anschauung inspirierte ihn zu seinem Werk über den Wohlstand der Nationen, dem Klassiker der ökonomischen Wissenschaft.

Ungefähr zur gleichen Zeit zog David Hume aus der Ablehnung der Prädestinationslehre den Schluss, dass sich der Mensch Wissen erwerben könne, das zu wirtschaftlichem Fortschritt und Freiheit führen würde. So legte der Anti-Calvinismus in Großbritannien den Grundstein sowohl für die Entwicklung von Marktwirtschaft und Kapitalismus als auch für die liberale Gesellschaftsordnung. Im Gegensatz zu heute populären Vorurteilen ist der von Smith beschriebene homo oeconomicus also alles andere als ein rücksichtloser Egoist und die liberale Gesellschaft keine gottlose Gemeinde von Menschen mit spitzen Ellenbogen.

Kampf der „Evangelien“

Hartgesottene Calvinisten widersetzen sich dem Wandel des Zeitgeists zu einem positiven Menschenbild hin, fanden in Großbritannien jedoch wenig Widerhall. Einige von ihnen, die man später Pilgerväter nannte, wanderten deshalb nach Amerika aus. Aber auch dort entwickelte sich schnell der Widerstand gegen die Calvinisten, die Hölle und Verdammnis für den größten Teil der Menschheit predigten. Es entstand ein dem britischen ähnliches Verständnis des Christentums, das stark die Selbstbestimmung des Menschen, insbesondere in seinem wirtschaftlichen Handeln, betonte.

Ende des 19. Jahrhunderts verkörperte der Großindustrielle Andrew Carnegie dieses Verständnis, das Evangelium des Reichtums genannt wurde. Reichtum sei an sich gut, so die Botschaft, wenn der Reiche bescheiden lebe und seinen Besitz zum Nutzen aller mehre. Gottesnähe sei mit Reichtum verbunden, war das Credo. Die Anhänger dieser Verkündung waren Postmillenialisten, das heißt, sie erwarteten das in der biblischen Offenbarung verkündete Zweite Kommen Christi nach dem goldenen Zeitalter (dem Millennium), und nicht davor. Das Millenium habe begonnen, und statt bis zum Zweiten Kommen in Trübsal leben zu müssen, würden die Christen schon jetzt prosperieren. Die USA seien dazu ausersehen, das Königreich Gottes auf Erden zu verwirklichen.

Doch die Depression von den frühen 1880er bis in die Mitte der 1890er Jahre stärkte die konkurrierende Erzählung vom Prämillenarismus, nach der bis zum Zweiten Kommen Elend herrsche. Die Zweifel am Wohlstandversprechen nährten daher eine konkurrierende Botschaft, das Evangelium des Sozialen. Die Protagonisten dieses Evangeliums sahen die Notwendigkeit eines sozialen Ausgleichs durch die Umverteilung von Einkommen. Da diese von den Kirchen nicht organisiert werden könne, müsse der Staat einschreiten.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die soziale Verkündung maßgeblich von einem deutschstämmigen Baptisten (Walter Rauschenbusch) und von an der Universität Heidelberg in der historischen Schule ausgebildeten Ökonomen vorangetrieben wurde. Richard T. Ely, einer ihrer in Deutschland ausgebildeten Protagonisten, meinte: „Gott wirkt durch den Staat, um seine Absichten zu verwirklichen, universeller als durch jede andere Institution“. Seiner Initiative verdankt die heute einflussreiche American Economic Association ihre Entstehung - und den Hang vieler ihrer Mitglieder zum politischen Konstruktivismus bis in die Gegenwart.

Fusion und Neugewichtung

Mit dem Ende der Depression verlor die soziale Verkündung jedoch an Auftrieb und beide Evangelien verschmolzen mit der Gründung des Federal Council of Churches Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer gemeinsamen Botschaft. Danach sollte der Wettbewerb in der freien Marktwirtschaft innerhalb einer begrenzten staatlichen Aufsicht stattfinden und unverschuldet in Not geratenen Menschen sollte geholfen werden. Daraus entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der für europäische Verhältnisse eher sparsame US-amerikanische Wohlfahrtsstaat, unter dessen Schutz Ludwig Erhard bei uns die Soziale Marktwirtschaft einführen konnte. Allerdings ging für viele Geistliche und Ökonomen mit Roosevelts New Deal die Balance in Richtung zu viel Staat verloren.

Die Verschmelzung der beiden Evangelien stärkte das Sendungsbewusstsein der amerikanischen Politik über die Staatsgrenzen hinaus. Sie hatte die von Gott gegeben Aufgabe, alle Völker in eine bessere Welt zu führen. Die USA verkörperten die in Anlehnung an die Bibel sogenannte „leuchtende Stadt auf dem Hügel“, die bis in die jüngere Vergangenheit noch Präsidenten wie John F. Kennedy und Ronald Reagan beschworen. Auch die Neocons um George W. Bush waren noch davon inspiriert.

Aber mit dem Aufstieg des atheistischen Kommunismus in Europa und dem kalten Krieg gegen die Sowjetunion verblasste das Evangelium des Sozialen. Präsident Harry Truman befand, der Kommunismus sei ein „gottloses System der Sklaverei“. Daher solle nicht der Staat, sondern christliche Moral für sozialen Ausgleich sorgen. Das Evangelium des Reichtums gewann wieder an Einfluss in Religion und Wirtschaft. Doch mit dem Kollaps des Sowjetimperiums fiel der einende Gegner weg.

Relativismus und Identitätspolitik

Gustave Le Bon hat in seinem 1895 erschienenen Klassiker Psychologie des foules (Psychologie der Massen) erklärt, wie Völker, die sich unter dem Banner einer Grundidee vereinen, im Namen dieser Idee hehre oder niederträchtige Taten vollbringen können, zu denen jeder Einzelne niemals fähig gewesen wäre. Wenn, wie Ernst-Wolfgang Böckenförde gesagt hat, der freiheitliche Staat von Voraussetzungen leben muss, die er selbst nicht garantieren kann, dann kann eine freiheitliche Grundidee diese Voraussetzung schaffen. Im Großbritannien von Adam Smith war diese Grundidee die jedem Menschen innewohnende Moral, die es ermöglichte, dass aus der Verfolgung eigennütziger Ziele der Gesamtnutzen steigen konnte. In den USA übernahm die anti-Calvinistische christliche Religion diese Rolle.

Zwar hat Religion in den USA auch heute noch einen stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft als in allen anderen westlichen Industrieländern. Aber der grassierende Relativismus lässt ihren einigenden Einfluss schwinden. Aus Identitätspolitik genährte Selbstzweifel zerfasern nicht nur den Willen zur Macht, sondern unterminieren auch die Voraussetzungen für den freiheitlichen Staat.

Die Evangelien des Reichtums und Sozialen erscheinen heute vielen als Instrumente der Unterdrückung, die Stadt auf dem Hügel als ein Bild aus Dantes Inferno. Dazu passen die von dem alternden Präsidenten Donald Trump gezeigte Verachtung der Ordnung der Freiheit und der von dem anderen alternden Präsidenten Joe Biden vollzogene chaotische Abzug der Militärmacht aus Afghanistan.

Die Politikwissenschaftlerin Barbara Walter sieht eine zunehmende Zahl von Warnzeichen für einen Bürgerkrieg. Und Greg Treverton, der ehemalige Vorsitzende des National Intelligence Council, überschreibt einen Artikel mit „Civil war is coming“.

Wankendes Selbstbewusstsein

Weltherrschaft löst sich auf, wenn die Mittel oder der Wille zur Macht verloren gehen. Nach zwei auszehrenden Weltkriegen fehlten dem früheren Hegemon Großbritannien Mitte des letzten Jahrhunderts die Mittel. Noch sind die Machtmittel der USA groß. Aber der Hegemon wankt, weil sein Selbstbewusstsein wankt. Die Grundidee (Le Bon) verblasst, der Niedergang ist da.

An Selbstbewusstsein mangelt es dem chinesischen Herausforderer nicht. Aber dass der marxistische verbrämte Konfuzianismus dem Evangelium des Reichtums und Sozialen überlegen ist, kann man bezweifeln.

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