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03.03.2020 - Kommentare

EZB kämpft um Vertrauen


«Ich will, dass die Menschen in der Eurozone unsere Entscheidungen verstehen“, sagte die designierte neue Chefin der Europäischen Zentralbank bei ihrer Anhörung im Europaparlament im September 2019. Anders als ihr Vorgänger scheint Christine Lagarde die Kommunikation mit den Bürgern für ebenso wichtig zu halten wie die mit den Finanzmarktakteuren. Sie hat Recht. Denn wenn die Bürger die Politik der EZB nicht verstehen, vertrauen sie ihr nicht, und wenn sie ihr nicht vertrauen, steigt das Risiko für einen Zerfall des Euro.

Gegenwärtig steht es nicht zum Besten für das Vertrauen in die EZB. Oft wird in den Medien den Deutschen eine besonders kritische Haltung zum Euro und der EZB attestiert. Die regelmäßig durchgeführten Umfragen der Europäischen Kommission zeigen jedoch ein differenzierteres Bild. Während die Zustimmung zum Euro über die Zeit gestiegen ist, ist das Vertrauen in die EZB gefallen. Nach einem anfänglichen Anstieg auf über 60 Prozent der Befragten, sank im Verlauf der Eurokrise der Anteil derer, die der EZB vertrauen, auf einen Tiefpunkt von 30 Prozent. Obwohl die Politiker in der Bundesregierung und der EZB heute die Krise für überwunden erklären und über 80 Prozent der Befragten den Euro befürworten, ist das Vertrauen in die EZB nur zögerlich zurückgekommen. Noch immer vertraut weniger als die Hälfte der Deutschen der EZB. Ein wichtiger Grund dafür dürfte die Skepsis gegenüber der Negativzinspolitik sein. Nach einer jüngeren Umfrage der Gothaer Versicherung halten 61% der Befragten die Niedrigzinspolitik der EZB für falsch. Im letzten Jahr waren es noch 53%.

Entgegen dem weit verbreiteten Eindruck sind die Zustimmungsraten zum Euro und das Vertrauen in die EZB in Deutschland höher als im europäischen Durchschnitt. Dies gilt auch im Vergleich mit dem anderen Ankerland der EWU, Frankreich, wo nur 32 Prozent der Befragten der EZB vertrauen. Man könnte erwarten, dass das Vertrauen in die EZB in Frankreich deutlich höher wäre als in Italien und Griechenland, zwei Länder, die stark von der Eurokrise betroffen waren. Dem ist aber nicht so. Das Vertrauen in die EZB ist in Italien mit 39 Prozent sogar etwas höher als in Frankreich, in Griechenland mit 26 Prozent allerdings deutlich geringer.

Christine Lagarde hat also einen guten Grund für mehr Vertrauen in die EZB zu werben. Ob das aber mit einer besseren Erklärung der EZB Politik erreicht werden kann, darf man bezweifeln. Denn mit der Politik der Negativzinsen muss etwas erklärt werden, das gegen den gesunden Menschenverstand verstößt. Nicht ohne Grund heißt es, „Zeit ist Geld“. Wer also seinen Konsum in die Zukunft verschiebt, indem er spart, will dafür entschädigt werden. In der Welt der Negativzinsen ist die Zukunft aber schon da und Warten wird bestraft. Da dies den Menschen nicht vermittelbar ist, verschanzen sich EZB-Politiker hinter Expertenwissen, das auf Laien unzugänglichen ökonomischen Modellen beruht. Sie suchen die Nähe zu ihnen gefälligen akademischen Größen und Bankenvertreter zur Steigerung der Vermutung in ihre Kompetenz. Doch wenn eine nachvollziehbare Erklärung durch die Anmaßung von exklusivem Expertenwissen ersetzt wird, kann kein Vertrauen entstehen.

Nach Albert O. Hirschmann kann man seine Unzufriedenheit mit der Umgebung durch Widerspruch oder Abwanderung überwinden. Wird der Widerspruch nicht gehört, bleibt nur die Abwanderung. Wenn eine kritische Menge der Bürger das Vertrauen in die EZB verliert, könnten Politiker zum Zug kommen, die den Zerfall des Euro betreiben.

Erschienen am 01. März 2020 in "Welt am Sonntag"

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