18.04.2019 - Kommentare

Opportunistische Kantonisten


I.

Die Milliardäre Jamie Dimon von JPMorgan und Ray Dalio von Bridgewater warnen vor Revolutionen und Sozialismus in den USA. Zwar sei der Kapitalismus der beste Motivator und das beste Wirtschaftssystem, das die Welt je gesehen habe, der Kapitalismus funktioniere für die Mehrheit der Amerikaner jedoch nicht mehr, schreibt Dalio. Geld würde sich an der Spitze stauen, was zu sich selbst verstärkenden Spiralen führe: „aufwärts für die Besitzenden, abwärts für die Besitzlosen.“ Notwendig sei deshalb eine Koalition zwischen Kapitalisten und Sozialisten, um gerechtes Wachstum zu sichern. Mißlinge eine solche Koalition, so würden wir irgendeine Art von Revolution erleben. Und Dimon schreibt: „Die gesellschaftlichen Bedürfnisse von zu vielen unserer Bürger werden nicht erfüllt.“ Sozialismus führe jedoch unweigerlich zu Stagnation, Korruption und Schlimmeren. Dimon plädiert deshalb für einen Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Der Staat solle im Rahmen eines „Marschall-Plans für Amerika“ durch erhöhte Staatsausgaben Bildung, Infrastruktur und Gesundheit fördern und diese Fiskalpolitik durch deutlich höhere Steuern für Vermögende finanzieren. Dalio fordert zudem nicht nur höhere Steuern für Reiche, um Vermögen umzuverteilen, sondern eine engere Zusammenarbeit zwischen Zins- und Steuerpolitik zur Stimulierung des Wachstums. Dalio fordert damit, daß die Zins- und Geldpolitik der Fed auf die Fiskalpolitik der Regierung abgestimmt werden sollte.

An den Vorschlägen von Dalio und Dimon ist nun weniger interessant, daß sie auch vom linken Flügel der Demokraten in den USA stammen könnten, also sowohl von Bernie Sanders als auch von den jungen Abgeordneten Ilhan Abdullahi Omar und Alexandria Ocasio-Cortez. Aus Gründen des Life Styles neigen Wirtschaftsführer oftmals zur Übernahme von rot-grünen Politikprogrammen. Das ist nicht neu. Viele Wirtschaftsführer wollen in der Öffentlichkeit als progressiv gelten.

Für Anleger und Investoren ist viel interessanter, daß ausgerechnet führende Vertreter der Finanzindustrie wie Ray Dalio und Jamie Dimon bei ihrer Krisenanalyse und ihren sozialdemokratisch inspirierten Vorschlägen eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus die tiefere Ursache der von ihnen diagnostizierten Probleme ausblenden: die Geldordnung. Das ist um so erstaunlicher, als gerade unsere markt- und kapitalismuswidrige Geldordnung, in welcher im Rahmen einer Public-Private-Partnership Geld durch Kreditvergabe aus dem nichts geschöpft wird, maßgeblich den rasanten Bedeutungsaufstieg der Finanzindustrie, die Finanzialisierung der Wirtschaft und die zunehmende ungleiche Vermögensverteilung verursacht hat. Daß dies Ray Dalio und Jamie Dimon in all den Jahren, in denen sie davon profitiert haben, entgangen sein soll, ist wenig glaubhaft. Und noch problematischer ist, daß seit der Veröffentlichung der Beiträge von Dalio und Dimon dieser Zusammenhang kaum in der Öffentlichkeit thematisiert wird. Ob gewollt oder ungewollt, Dalio und Dimon lenken mit ihren Plädoyers für mehr Umverteilung und höhere Staatsausgaben von der Notwendigkeit einer Geldsystemreform, von der Reform unserer bestehenden Geldordnung, ab.

II.

Eines der wichtigsten Regelsysteme einer Gesellschaft ist die Geldordnung. Geld soll die direkte und indirekte Kooperation von Menschen, die Verknüpfung und Verflechtung von Kapitalgütern, erleichtern. Spiegeln die Menge und der Wert des Geldes nicht die individuellen Ziele und Präferenzen der Menschen wider, sondern wird die Geldmenge und sein Wert manipuliert, gerät die direkte und indirekte Kooperation von Menschen und die Verknüpfung und Verflechtung von Kapitalgütern durcheinander mit der Folge von Wachstumseinbußen und Strukturproblemen. In unserem Kreditgeldsystem wird die Geldschaffung durch die Zinspolitik der Zentralbanken geregelt. Wird der Kreditzins gegen Null gedrückt, verliert er die Funktion, die Allokation neuen Geldes sinnvoll zu steuern. Investitionsschwäche und geringes Produktivitätswachstum sind u.a. die Folgen, weshalb nur geringe Spielräume für Reallohnsteigerungen bestehen.

Geldmengenmanipulation führt auch zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen, weil sich das Preisniveau nicht für alle gleichzeitig ändert. Wer in unserem heutigen Geldsystem als erstes aus dem Nichts neu geschöpftes Geld besitzt, kann noch zu alten Preisen kaufen und sein Vermögen vergrößern, während alle anderen zu gestiegenen Preisen kaufen müssen. Den dadurch ausgelösten Umverteilungseffekt hatte im 18. Jahrhundert bereits Richard Cantillon (1680 – 1734) analysiert. Und der schottische Glückspieler und französische Finanzminister John Law (1671 – 1729) nahm im frühen 18. Jahrhundert die heutige Zentralbankpolitik der „Quantitativen Lockerung“ vorweg.1

In unserer Zeit hat die unbegrenzte Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zu einer erhöhten Umverteilung geführt, zu einer Ungleichheit, die auch Thomas Piketty mit seinen ökonometrischen Daten in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ herausgearbeitet zu haben scheint. Da Piketty jedoch weder Vermögen und Kapital unterscheidet, noch den durch die ungebremste Kreditgeldschöpfung seit Anfang der 70er Jahre ausgelösten Cantillon-Effekt berücksichtigt, argumentiert er auf grandiose und viel zu gut formulierte Art und Weise auf 800 Seiten am Problem des Kapitals im 21. Jahrhundert vorbei. Denn zur Lösung der Probleme des Kapitals im 21. Jahrhundert benötigen wir keine weltweite Neuverteilung des Kapitalstocks und keine weltweite egalisierende Besteuerung und den totalen Zugriff auf den Menschen, sondern eine neue Geldordnung.2

Aber nicht nur Thomas Piketty, sondern auch opportunistische Kantonisten wie Ray Dalio und Jamie Dimon ignorieren und lenken durch ihre Reformvorschläge eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus erfolgreich davon ab, daß wir eine neue Geldordnung in Form einer marktwirtschaftlichen Geldordnung benötigen. Wir brauchen eine Geldordnung, in welcher Geld nicht manipuliert wird. Wir brauchen eine marktwirtschaftliche Geldordnung, in welcher Kapitalgüter durch Preise bewertet werden, welche die individuellen Ziele und Präferenzen der Menschen widerspiegeln. Denn dann sind auch Wohlstand für alle und echtes Wachstum wieder möglich.


1 Cantillon wettete gegen diese Geldschöpfungspolitik und wurde reich, nachdem Laws geldpolitisches Experiment scheiterte, siehe Thomas Mayer: John Laws Exempel, Makroanalyse des Flossbach von Storch Research Institute vom 8. März 2018.

2 Siehe Thomas Mayer: Die neue Ordnung des Geldes. Warum wir eine Geldreform brauchen, München (FinanzBuch) 2014 sowie Frank Schäffler und Norbert F. Tofall: „Währungswettbewerb als Evolutionsverfahren. Der Übergang vom staatlichen Papiergeldmonopol zu einer marktwirtschaftlichen Geldordnung ist evolutionär mittels Wettbewerb möglich“, in: Peter Altmiks (Hg.): Im Schatten der Finanzkrise. Muss das staatliche Zentralbankwesen abgeschafft werden? München (Olzog) 2010, S. 135 – 155.

 

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