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10.01.2020 - Kommentare

„Winter is here“


Wer Ende 2009 einen Ausblick auf das neue Jahrzehnt gewagt hätte, hätte dies sehr wahrscheinlich unter dem Eindruck der Großen Finanzkrise von 2007/08 und der dadurch ausgelösten Großen Rezession von 2008/09 getan. Er hätte sich wohl gefragt, ob die Risse im Finanzbereich zu Brüchen mit langfristigen Folgen führen würden - und damit den Finger in die Wunde gelegt. Tatsächlich gebar die globale Finanzkrise in den Anfangsjahren des neuen Jahrzehnts die Eurokrise und führte im weiteren Verlauf zu tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen. In Anlehnung an die Formel aus „Game of Thrones“, der Kultserie des letzten Jahrzehnts, hätte unser Prognostiker warnen können: „Winter is coming“.

Im Blick auf das neue Jahrzehnt muss von liberaler Warte aus nun leider festgestellt werden, dass sich die zu Beginn des vorigen Jahrzehnts sichtbaren Risse vermehrt und zu Brüchen in Gesellschaft und Wirtschaft gewandelt haben. Drei der großen, heute sichtbaren Brüche dürften einen anhaltenden Einfluss auf die Entwicklungen im neuen Jahrzehnt haben: Das Ende der „Pax Americana“, der Aufstieg des Staates im Namen von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit und das Ende des Zinses.

Die von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg inspirierte Ordnung für die westliche Welt stieg nach dem Fall der Sowjetunion zur allein gültigen Weltordnung auf. Im Jahr 1989 rief der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ aus. Die „Pax Americana“ kristallisierte den Geist des Liberalismus in Wirtschaft und Gesellschaft in globale Institutionen wie die Welthandelsorganisation, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. Mit der NATO zu ihrer Verteidigung war sie militärisch unbesiegbar. Lange glaubten ihre Vertreter, das aufsteigende China, das sich Teile der liberalen Wirtschaftsordnung zu eigen gemacht hatte, in die Struktur der Pax Americana einbinden zu können. Mit dem Aufstieg Xi Jinpings seit Mitte des letzten Jahrzehnts wurde jedoch sichtbar, dass dies eine Fehleinschätzung war. Die chinesische Führung begann, sich auf Augenhöhe mit den USA zu sehen und ließ immer deutlicher erkennen, dass sie ihr Land wieder an die Weltspitze bringen wollte, wo es in früheren Jahrhunderten einmal unangefochten stand. Mit Donald Trump endeten auch die Versuche der USA, China in die von ihr errichtete Weltordnung einzubinden. Die Pax Americana macht einer neuen, bi-polaren Weltordnung Platz. Heute finden die Machtkämpfe um die Weltspitze in den Bereichen der Handels- und Technologiepolitik statt. Doch dürfte im weiteren Verlauf des Jahrzehnts auch eine militärische Komponente in Form eines neuen kalten Kriegs dazukommen. Für den Rest der Welt bedeutet dies das Ende des Multilateralismus und der Beginn neuer Abhängigkeitsverhältnisse von den jeweiligen Großmächten, zu deren Lager man sich zählt. In Europa hat sich das Großbritannien von Boris Johnson schon entschieden. Die Europäische Restunion scheint dagegen auf dem Boden der Tatsachen noch nicht angekommen zu sein. Uneinigkeit und eine sich daraus ergebende Verzwergung der EU auf der Weltbühne erscheinen wahrscheinlicher als die Entstehung eines dritten Pols.

Mit dem Klimaabkommen von Paris im Jahr 2015 begann der Aufstieg des Klimaschutzes als gesamtgesellschaftliches Ziel. Obwohl andere Regionen mehr von der Erderwärmung betroffen sind oder mehr Treibhausgase produzieren, nimmt der Klimaschutz in Europa einen besonders hohen Stellenwert ein. Die Verpflichtung der Bürger auf ein gemeinschaftliches Ziel führt zu mehr staatlichem Zwang und weniger individueller Freiheit. Der Ausruf des „Klimanotstands“ durch das Europäische Parlament deutet auf ein sich in diesem Sinne wandelndes Verständnis der Volksvertreter hin. Statt bewährte Regeln des Zusammenlebens in Gesetze zu fassen, sollen Gesetze zur Veränderung des gesellschaftlichen Lebens zur Erreichung der von Wissenschaftlern bestimmten Ziele erlassen werden. Die Geschichte zeigt jedoch, dass die liberale zur totalitären Gesellschaftsordnung mutiert, wenn wissenschaftliche Erkenntnis in verbindliche individuelle Verhaltensvorschriften übersetzt werden. Auf ähnliche Weise führt das im Nachklang der Finanzkrise erstarkte Ziel der „sozialen Gerechtigkeit“ zu totalitären Verhältnissen, da sich der Staat in deren Namen ermächtigt fühlt, den Einzelnen um die Früchte seiner wirtschaftlichen Anstrengungen zu bringen.

Zur Bekämpfung der unmittelbaren Folgen der Finanzkrise senkten die Zentralbanken die Zinsen und fluteten die Finanzmärkte mit Zentralbankgeld. Ein Jahrzehnt später ist aus der Nothilfe der Dauerzustand geworden. Die faktische Abschaffung des Zinses bewirkt noch umfassendere Verhaltensänderungen der Wirtschaftsakteure als die Verpflichtung auf Klimaziele. Der Zins ist der wichtigste Preis in der Wirtschaft, denn er gleicht die gesellschaftliche Zeitpräferenz der Fähigkeit der Wirtschaft an, auf effiziente Weise Kapital zur Befriedigung höheren Konsums in der Zukunft zu schaffen. Wird der Zins von einer Planbehörde abgeschafft, geht diese Orientierung verloren und es kommt zur Fehlallokation und damit Verschwendung von Kapital. Finanzinvestitionen erscheinen profitabler als Realinvestitionen. Finanzpreise und Verschuldung steigen.

Aus der Auflösung der alten und Entstehung einer neuen, bi-polaren Weltordnung folgt die zumindest teilweise Rückabwicklung der Globalisierung. Brachte diese Wachstumsgewinne und niedrigere Inflation, wird die Deglobalisierung im neuen Jahrzehnt wohl niedrigeres Wachstum und höhere Inflation zur Folge haben. Auch Klimaschutz durch die Bepreisung von Treibhausgasen wird das Wirtschaftswachstum schwächen und die Preise stärker steigen lassen. Dabei wird der Aufstieg des Staates und der wirtschaftlichen Zentralplanung im Namen von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit diese Wirkungen wohl noch verstärken. Ähnliche Wirkungen wird die Fehlallokation von Kapital durch die Abschaffung des Zinses haben. Der Anstieg der Verschuldung wird die Fragilität der Wirtschaft erhöhen. Wie die Weltbank in einer jüngst veröffentlichten Studie zeigt, sind heute vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer für eine neue Schuldenkrise anfällig. Und die Finanzialisierung der Wirtschaft lässt Verlierer zurück, die sich populistischen Heilsbringern zuwenden. Die politische Mitte zerbröselt.

Für den Sparer heißt dies: „Winter is here“. Bei auch nur leicht ansteigender Inflation führen Zinsanlagen zu Null- oder Negativzinsen zur mindestens schleichenden Vermögensvernichtung. Zu hohen Preisen gekaufte Immobilien werden durch verstärkten Mieterschutz und Mitpreisbremsen teilenteignet. Dagegen werfen Aktien laufende Erträge in Form von Dividenden ab und sind noch nicht überteuert. Wer sich für die Anlage Zeit und kurzfristige Preisschwankungen gelassen nehmen kann, wird daher im „Anlagewinter“ mit einem gut diversifizierten Aktienportfolio immer noch am besten fahren. Wie Gold dürften Aktien überdies auch dann gefragt sein, wenn das Vertrauen ins Geld schwindet, weil sich die Zentralbanken bei steigender Inflation aus Angst vor einer neuen Schuldenkrise nicht trauen, die Zinsen zu erhöhen. Doch ist kein Sparer vor nun wieder populären Forderungen nach der Wiedereinführung der Vermögenssteuer sicher. Zusammen mit hohen Spitzensätzen bei der Einkommenssteuer läuft diese auf eine schleichende Enteignung hinaus. Wo aber Privateigentum konfisziert wird herrscht bald Mangelwirtschaft.

Erschienen am 05. Januar 2020 in Welt am Sonntag

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