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Unternehmen

Venture Capital: Auf den Spuren der Zukunft

- Christof Schürmann

STUDIE. Wer den Investitionen von Risikokapitalgebern folgt, erhält wichtige Hinweise darauf, welche Technologien und Geschäftsmodelle die Wirtschaft von morgen prägen könnten.

🎧Für Podcast-Liebhaber: In knapp 100 Sekunden gibt unser KI-generierter Podcast (erstellt mit NotebookLM) einen schnellen Überblick über die wichtigsten Punkte der Studie.

Der Mistral ist ein kalter, oftmals kräftiger Nordwind, der durch das Rhônetal in Richtung Mittelmeer weht. Mistral ist auch eine ikonische Marke des Surfsports. Und Mistral ist ein französisches Startup, das mit dem Geschäftsmodell Künstliche Intelligenz (KI) reüssiert – zumindest gemessen an der Bewertung, die im Rahmen der jüngsten, drei Milliarden schweren Finanzierungsrunde angeführt vom südkoreanischen Technologiekonzern Samsung gut 21 Milliarden Euro beträgt. Mistral gilt als die große KI-Hoffnung Europas und zieht deshalb hohe Summen an Risikokapital (Venture Capital) an.

Die Schlagzeilen dominieren aber die US-amerikanischen KI-Startups OpenAI (ChatGPT) und Anthropic (Sprachmodell Claude). Bei Anthropic steht im November 2026 ein rekordschwerer Börsengang an. Doch welches Startup könnte schon bald oder übermorgen eine neue Größe an der Börse sein oder ein wichtiger Bestandteil eines Konzerns?

Eine exakte Vorhersage ist unmöglich, eine Spurensuche ist dagegen machbar. Die Spuren führen zu Investoren, die Venture Capital in junge Unternehmen investieren. Das sind in erster Linie Venture-Capital-Fonds und die Venture-Capital-Sparten etablierter Konzerne. Venture Capital ist ein wichtiger Vermittler auf den Finanzmärkten und stellt Unternehmen Kapital zur Verfügung, die andernfalls möglicherweise Schwierigkeiten hätten, sich Finanzmittel zu beschaffen; diese Unternehmen sind in der Regel klein und jung (Gompers und Lerner 2001). Denn Kredite sind für junge Startups in der Regel erst ab einem gewissen Reifegrad verfügbar.

In welche Geschäftsmodelle große Unternehmen wie Samsung aus ihren Risikokapitalsparten heraus und einflussreiche Venture-Capital-Fonds wie Tiger Global Management, Sequoia Capital, Andreessen Horowitz (alle USA) und Softbank (Japan) investieren, skizziert die Zukunft. Aktuell, in Zeiten der KI-Disruption, ist ein Blick auf Venture-Capital-Investments besonders interessant.

1. USA bleiben dominant

Was so gut wie sicher ist: Die USA bleiben mit Abstand der größte Markt für Venture Capital. Nach Angaben der OECD haben sich in den Vereinigten Staaten die jährlichen Venture-Capital-Investitionen von 2007 bis 2025 von 37,4 Milliarden auf 192,1 Milliarden Dollar mehr als verfünffacht. In den EU-Kernländern Frankreich und Deutschland sind die Investments von kümmerlichen 0,9 auf 2,6 Milliarden und von 1,1 auf 2,8 Milliarden Dollar gestiegen.

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegen die USA im Verhältnis zu Frankreich um den Faktor acht vorne, zu Deutschland sogar um den Faktor elf (Abbildung 1).

Abbildung 1: Venture-Capital-Investitionen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen also in den USA – China außen vorgelassen, dessen Investitionen in junge Unternehmen auch staatlich geprägt und deshalb schwierig vergleichbar sind. Gleichwohl gibt es in China Startups mit hohen Bewertungen. So kommt etwa die TikTok-Mutter ByteDance auf eine aktuelle Bewertung von 585 Milliarden Dollar und das Fintech Ant Group auf 79 Milliarden Dollar.

Die wertvollsten Startups der westlichen Hemisphäre sind aktuell die US-amerikanischen KI-Dominatoren OpenAI und Anthropic. OpenAI soll in Gesprächen sein, um nach einer weiteren Geldspritze von Investoren auf eine mögliche Neubewertung von 1,4 Billionen Dollar zu kommen – so berichten es einige Medien.

Bei Anthropic steht im November 2026 wahrscheinlich ein Rekordbörsengang mit einer Bewertung von möglicherweise zwei Billionen Dollar an. Damit würde Anthropic aus dem Stand zu den zehn schwersten börsennotierten Unternehmen nach Marktkapitalisierung weltweit gehören.

Beiden KI-Firmen gestanden Venture-Capital-Investoren in den vergangenen Jahren rasante Bewertungszuwächse zu (Abbildungen 2 und 3).

Abbildung 2: Bewertung von OpenAI
Abbildung 3: Bewertung von Anthropic

Wichtig zu wissen: Bewertung meint dabei nicht, wie viel Geld ein Startup bei Investoren eingesammelt hat, sondern wie hoch die Gesamtbewertung aller Anteile angesichts der letzten Investmentrunde ist. Wenn beispielsweise ein Startup mit 1.000 Anteilen in einer ersten Finanzierungsrunde 100 Anteile zu je 1.000 Dollar abgibt, ist seine Gesamtbewertung eine Million Dollar (Fachjargon: Post-Money-Valuation). Gibt das Startup in einer zweiten Runde weitere 100 Anteile aus dem Bestand zu je 2.000 Dollar ab, steigt seine Gesamtbewertung auf zwei Millionen Dollar.

Anthropics jüngste Kapitalinjektion im Mai 2026 betrug 65 Milliarden Dollar, die erste Finanzierungsrunde 2021 spielte gerade einmal 124 Millionen Dollar ein. Insgesamt hat der Claude-Programmierer bisher gut 120 Milliarden Dollar eingesammelt – die aktuelle Bewertung liegt mit 965 Milliarden Dollar beim Achtfachen. Diese Bewertungen sind jedoch bestenfalls vage Indikationen, die den ökonomischen Wert der Unternehmen häufig deutlich überschätzten (Gornall und Strebulaev 2020).

2. Führende Branchen bei Skalierung und Eigenentwicklung

Umso wichtiger ist die Frage, ob KI eine tragende Rolle in der Wirtschaft spielen wird und damit hohe Venture-Capital-Investitionen gerechtfertigt sind – und wenn ja, in welchen Sektoren? Laut der Beratungsgesellschaft McKinsey ist das der Fall. Die Technologiebranche sei führend bei der Skalierung von KI-Agenten. 41 Prozent der Technologieunternehmen verzichteten auf den Kauf externer Softwarelösungen, weil sie diese mithilfe von KI-Coding-Tools intern bauen könnten. Im Gesundheitswesen (Healthcare Payers & Providers) nutzten 39 Prozent der Unternehmen KI zur eigenständigen Entwicklung von Software. Bei professionellen Dienstleistungen und Energie & Rohstoffen gaben laut McKinsey jeweils 38 Prozent der Befragten an, Softwarekäufe mit eigenen KI-Entwicklungen zu ersetzen. Unternehmen aus dem Konsumgütersektor und dem Einzelhandel erzielten den größten Nutzen mit dem gezielten Einsatz von KI-Agenten in Marketing und Vertrieb; in der fortgeschrittenen Fertigung würden KI-Agenten am wirkungsvollsten in den Bereichen Lieferkette, Bestandsmanagement und Produktion genutzt.

3. KI vorne bei den Einhorn-Listen

Dementsprechend verwundert die hohe Relevanz von KI für Venture Capital nicht. KI-Startups machen laut dem Morningstar Pitchbook Global Unicorn Tracker vom August 2026 mittlerweile 62 Prozent des gesamten Wertes von 8,2 Billionen Dollar und 40 Prozent aller sogenannten Einhörner aus. Unter einem Einhorn versteht die Venture-Capital-Szene Startups mit einer Bewertung von wenigstens einer Milliarde Dollar.

Neben Anthropic, OpenAI und ByteDance erhielten zuletzt das US-irische Fintech Stripe, das US-Softwareunternehmen Databricks und das britische Fintech Revolut eine dreistellige Milliarden-Dollar-Bewertung. Zum Vergleich: Die beiden wertvollsten Einhörner Deutschlands, das Rüstungs-Startup Helsing und der Broker Trade Republic kommen auf 18 beziehungsweise 14 Milliarden Dollar.

In dieser Liga spielt auch das schwedische Vibe-Coding-Startup Lovable mit 13,3 Milliarden Dollar Bewertung. Das ebenfalls schwedische KI-Startup Legora, das sich auf Rechtsfragen spezialisiert hat, führt laut einem Bericht der „Financial Times“ Gespräche über eine Finanzierungsrunde mit einer Bewertung von wenigstens zehn Milliarden Dollar. Laut dem jüngsten Morningstar Unicorn Market Monitor wurden vier der fünf größten Finanzierungsrunden im zweiten Quartal 2026 von Unternehmen aus dem KI-Bereich abgeschlossen.

Neben KI ist die Verteidigungs- und Rüstungsindustrie ein Investitionsziel von Venture Capital. So führt beispielsweise der in London ansässige Drohnenspezialist Uforce laut einem Bericht des britischen Technologieportals „Sifted“ Gespräche über eine Finanzierungsrunde mit einer Bewertung von mehr als vier Milliarden Dollar.

4. Halbleiter gefragt

Die Liebe der Aktienanleger zu Chip-Unternehmen wie Nvidia, Micron oder SK Hynix hat sich den Sommer 2026 über deutlich abgekühlt. Bei Venture Capital deutet sich dagegen ein Rekord an. Laut Daten von Pitchbook wurden bis Anfang August mehr als 16 Milliarden Dollar an Venture Capital in Halbleiterunternehmen investiert. Beim derzeitigen Tempo wird die Jahresgesamtinvestition in Halbleiter-Startups für 2026 voraussichtlich um 30 Prozent über dem Vorjahresrekord liegen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Venture-Capital-Investments in Halbleiter-Startups

Die letzte Finanzierungsrunde des kalifornischen Unternehmens Cerebras Systems in Höhe von einer Milliarde Dollar war dabei die bisher größte Halbleiter-Transaktion von Venture Capital in diesem Jahr und verlieh dem Unternehmen eine Bewertung von rund 23 Milliarden Dollar, bevor es im Mai an die Börse ging.

Auch in Europa hat die Notwendigkeit, eigenständige Chip-Technologie zu entwickeln, zu einem noch schnelleren Wachstum der Halbleiter-Branche geführt. Das Finanzierungsvolumen hat 2026 laut Pitchbook bereits 2,1 Milliarden Dollar erreicht – fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Die britische Olix schloss im August 2026 Europas größte Chip-Finanzierungsrunde über 312 Millionen Dollar mit einer Bewertung von 3,3 Milliarden Dollar ab.  

5. Quantencomputing vor einem Schub

Auch die Venture-Capital-Investitionen im Bereich Quantencomputing haben einen weiteren kräftigen Schub erfahren. Nach Daten von Preqin wurden zwischen 2017 und Juni 2026 weltweit insgesamt 21,7 Milliarden Dollar in 1.549 Finanzierungsrunden in Unternehmen aus dem Quantenbereich investiert (Abbildung 5).

Abbildung 5: Venture-Capital-Investments in Quantencomputing-Startups

Die Dynamik hat sich beschleunigt: Allein von Anfang 2025 bis Juni 2026 flossen 10,5 Milliarden Dollar in Quantencomputing-Startups. Dies ist zum Teil auf die Entwicklung des Quantenmarktes zurückzuführen, der sich laut dem „Quantum Technology Monitor 2026“ von McKinsey von einem „Forschungsökosystem zu etwas entwickelt, das einem skalierbaren Technologie-Stack näherkommt“. Die Unternehmensberatung geht davon aus, dass Quantencomputing einen „kommerziellen Wendepunkt“ erreicht habe. Demnach könnten Quanten-Unternehmen bis 2028 weltweit einen Jahresumsatz von 4,4 Milliarden Dollar erzielen, gegenüber gut einer Milliarde im Jahr 2025.

Das in Paris ansässige Unternehmen Pasqal und Aramco kündigten im Sommer den ersten Quantencomputer Saudi-Arabiens sowie die erste kommerzielle „Quantum-Computing-as-a-Service“-Plattform (QCaaS) im Nahen Osten an. Pasqal sammelte im März 170 Millionen Euro ein. Das in Vancouver ansässige Unternehmen Photonic, das sich zum Ziel gesetzt hat, einen Quantencomputer im kommerziellen Maßstab zu bauen, hat seit Januar Finanzmittel in Höhe von über 200 Millionen Dollar eingeworben. Das  Londoner Unternehmen Quantum Motion schloss jüngst eine Finanzierungsrunde in Höhe von 160 Millionen Dollar ab. Die niederländische QuantWare erhielt zuletzt 178 Millionen Dollar Venture Capital.

Fazit

Die Zukunft ist von KI geprägt. Darauf wetten Investoren nicht nur an Sekundärmärkten wie dem Aktienmarkt, sondern auch am Primärmarkt Venture Capital. Davon profitieren auch angrenzende Technologiebereiche wie die Halbleiterindustrie. Gleichzeitig erfährt das Quantencomputing einen kräftigen Finanzierungsschub. Die USA bleiben mit Abstand der weltweit wichtigste Venture-Capital-Markt, während Europa deutlich zurückbleibt. Aktuelle Bewertungen von Startups übertreffen vielfach die Marktkapitalisierungen etablierter Unternehmen. Das engt die Luft für (weitere) deutliche Bewertungszuwächse bei einem Verkauf der Startups oder einem Börsengang naturgemäß ein. Und eine Skizze zeigt nie das ganze Bild. Technologietrends können schnell drehen, Fehlinvestitionen sind im Venture-Capital-Markt Normalität. Wenn aus zehn Venture-Capital-Investments ein Gewinner hervorgeht, kompensiert dies Verluste der anderen Investitionen, so die Faustformel. Das dürfte auch in dem aktuellen KI-Investitionszyklus wieder der Fall sein.

Kurzinterview mit Christof Schürmann

Was ist Venture Capital und warum ist es für junge Unternehmen wichtig?

Christof Schürmann: Venture Capital ist Risikokapital, das Investoren jungen Unternehmen zur Verfügung stellen. Gerade Startups haben oft Schwierigkeiten, klassische Bankkredite zu erhalten. Risikokapital ermöglicht ihnen, neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Investitionen geben Hinweise darauf, welche Branchen künftig an Bedeutung gewinnen könnten.

Warum fließt so viel Risikokapital in künstliche Intelligenz?

Schürmann: Investoren erwarten, dass künstliche Intelligenz viele Wirtschaftsbereiche verändern wird. Das zeigt sich besonders an den hohen Bewertungen von Unternehmen wie OpenAI und Anthropic. Laut PitchBook entfallen bereits 62 Prozent des Gesamtwertes aller sogenannten Einhörner auf KI-Startups. Allerdings können solche Bewertungen den tatsächlichen wirtschaftlichen Wert deutlich übersteigen.

Wie hoch sind die Investments?

Schürmann: Die USA sind der mit Abstand größte Markt für Risikokapital. Zwischen 2007 und 2025 stiegen die jährlichen Investitionen dort von 37,4 auf 192,1 Milliarden Dollar. Deutschland und Frankreich bleiben deutlich zurück. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt investieren die USA elfmal so viel wie Deutschland und achtmal so viel wie Frankreich.

Welche Technologien profitieren neben künstlicher Intelligenz von Risikokapital?

Schürmann: Besonders Halbleiter und Quantencomputing ziehen hohe Investitionen an. In Halbleiter-Startups flossen bis Anfang August 2026 bereits mehr als 16 Milliarden Dollar. Auch Quantencomputing erlebt einen kräftigen Schub. Allein zwischen Anfang 2025 und Juni 2026 erhielten Unternehmen dieser Branche weltweit 10,5 Milliarden Dollar Risikokapital.

Referenzen

Arya, Sanjay / Granda, Franco / Rolfes, Harrison (2026): Morningstar Unicorn Market Monitor: Q2 2026. Morningstar, 26.8.2026.

Bennett-Lynch, Will (2026): National initiatives push quantum investing to the next level. Preqin, 16.06.2026.

Chui, Michael / Roberts, Roger / Catlin, Tanguy (2026): McKinsey Technology Trends Outlook 2026. McKinsey & Company, 15.9.2026.

Gompers, Paul / Lerner, Josh (2001): The Venture Capital Revolution. Journal of Economic Perspectives 15 (2), 145–168.

Gornall, Will / Strebulaev, Ilya A. (2020): Squaring Venture Capital Valuations with Reality. Journal of Financial Economics 135 (1), 120–143.

Hodgson, Leah (2026): Olix raises Europe’s largest chip round at $3.3B valuation. PitchBook, 3.8.2026.

OECD (2026): Venture capital investments (market statistics). OECD Data Explorer.

Soller, Henning / Nguyen, Duc Nam / Gschwendtner, Martina / Kermans, Victor / Svejstrup, Waldemar / Ziarkash, Waris (2026): McKinsey Quantum Technology Monitor 2026: A commercial tipping point. McKinsey & Company, 28.4.2026.

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