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Makro

Lateinamerika: der anstehende Boom und seine Risiken

- Pablo Duarte

KOMMENTAR. Lateinamerika ist rohstoffreich und setzt auf Markt und solide Staatsfinanzen. Für Anleger wird die Region damit zur Alternative zu Schuldenstaaten und KI-Boom. Wie lange der Kurs hält, ist offen.

🎧Für Podcast-Liebhaber: In ca. fünt Minuten werden in unserem KI-generierten Podcast (erstellt mit NotebookLM) die wichtigsten Punkte des Kommentars diskutiert. 

In den letzten drei Jahren erlebte Lateinamerika einen wirtschaftspolitischen Wechsel hin zu fiskalischer Disziplin, einem kleineren, effizienteren Staat und mehr Marktwirtschaft. Der Wechsel macht die Region attraktiver für internationale Investoren, die nach Alternativen zu den hochverschuldeten Industrieländern suchen und ihr Portfolio vom KI-Boom diversifizieren möchten. Selten waren die Push- und Pull-Faktoren für die Region so günstig wie jetzt. Kapitalzuflüsse könnten das Wachstum stützen und Reformen Rückenwind geben, bis das Pendel wieder nach links ausschlägt. Mit dem überraschenden Sieg des 81-jährigen Luiz Inácio Lula da Silva in der Präsidentschaftswahl Brasiliens bleibt offen, inwiefern Brasilien sich dem Wandel anschließt und davon profitiert.

Verbesserung der „Pull“-Faktoren

Eine Region wird für Investoren attraktiver, wenn sie ihre makroökonomischen Rahmenbedingungen verbessert oder sich die Alternativen verschlechtern. In der Literatur wird zwischen Pull-Faktoren (lokale Bedingungen) und Push-Faktoren (internationale Bedingungen) für Wachstum unterschieden.1

Eine glaubwürdige Haushaltskonsolidierung ist ein Pull-Faktor. Wenn ein Staat in Zahlungsschwierigkeiten ist, kann er auf die Notenpresse zurückgreifen, um sich zu finanzieren. Dies entwertet die Währung und verschlechtert die Investitionsbedingungen. Solide Staatsfinanzen stärken hingegen die privatwirtschaftliche Dynamik. Je stabiler das makroökonomische Umfeld, desto attraktiver wird die Region nicht nur für inländische, sondern auch für ausländische Investitionen.

Die niedrigen internationalen Finanzierungskosten der 2010er Jahre haben es vielen lateinamerikanischen Regierungen lange Zeit erleichtert, mehr Staatsausgaben durch Schulden zu finanzieren. Für Lateinamerika insgesamt stieg die Staatsschuldenquote von knapp unter 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2011 auf 74,1 Prozent im Jahr 2025 (Abbildung 1). In Brasilien erhöhte sie sich von 60 auf 93,3 Prozent des BIP. In Argentinien stieg sie von 40 auf über 80 Prozent des BIP im Jahr 2022. Im Jahr 2023 sprang sie aufgrund der starken Abwertung des Peso abrupt auf 106 oder sogar über 150 Prozent.2 Nach dem Wahlsieg von Javier Milei, der den Staatshaushalt entschlossen ausglich, ging in Argentinien die Staatsschuldenquote auf rund 80 Prozent (2025) zurück. Da die Reformen mit mehr Wachstum verbunden sind, gilt Argentinien seither bei anderen konservativen Politikern in Lateinamerika als Vorbild für die Konsolidierung der Staatsfinanzen.

Steigende Staatsschuldenquote in Lateinamerika

Insgesamt begrüßten die Märkte die Politikwechsel. Im Falle Kolumbiens war dies sofort am Wechselkurs sichtbar. Seit 2024 hatten bereits sowohl der kolumbianische Peso als auch der brasilianische Real gegenüber dem US-Dollar im Trend aufgewertet (Abbildung 2), getrieben von den Zinssenkungen der US-Notenbank. Im Mai 2026, als der Konservative Abelardo de la Espriella die Präsidentschaftswahl in Kolumbien überraschend gewann, wertete der kolumbianische Peso noch stärker auf als zuvor, was klar gegenüber dem brasilianischen Real sichtbar war. Die starke Aufwertung des kolumbianischen Pesos direkt nach der Wahl deutet darauf hin, dass die Märkte die erwartete fiskalische Stabilisierung positiv bewerteten. In Brasilien wertete der Real nach dem überraschend starken Abschneiden des konservativen Präsidentschaftskandidaten Flávio Bolsonaros im ersten Wahlgang Anfang Oktober zunächst ebenfalls auf. Doch die Terminmärkte deuten auf eine sehr starke Abwertung als Reaktion auf die Wahl des linken Luiz Inácio Lula da Silva hin.

Wechselkursbewegungen nach den Wahlen in Kolumbien und  Brasilien

Die Rolle der Push-Faktoren

Die zunehmenden Sorgen um die Staatsverschuldung in den Industrieländern könnten Lateinamerika zusätzlich zugutekommen. Viele Industrieländer leiden unter hohen Steuer- und Abgabenbelastungen, steigender Staatsverschuldung und Reformstau, so dass die Wachstumsaussichtungen trüb sind. Zuletzt sind die Zinsen auf Staatsanleihen hochverschuldeter Länder wie Japan und Frankreich stark angestiegen. Zwar können steigende Renditen in den Industrieländern Kapital aus Schwellenländern anziehen. Wenn steigende Zinsen jedoch wachsende fiskalische Risiken und Inflationsdruck widerspiegeln, werden Länder mit glaubwürdiger Haushaltskonsolidierung relativ attraktiver werden. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen einiger Industrieländer liegen trotz des Rückgangs der vergangenen Tage zwischen 0,7 und 1,5 Prozentpunkten höher als Anfang des Jahres (Abbildung 3). Investoren verlangen also höhere Risikoaufschläge für das Halten dieser Staatsanleihen.

Die Rendite brasilianischer Staatsanleihen lag am Freitag vor der Präsidentschaftswahl dagegen 0,87 Prozentpunkte unter dem Niveau vom Jahresanfang. Dieser Vorteil dürfte mit dem Wahlergebnis vorerst verschwinden, wie im Fall Kolumbiens. Mit der Präsidentschaftswahl von Mai bis Juli fiel die Rendite kolumbianischer Staatsanleihen fast um ca. 3 Prozentpunkte. Als die neue Regierung mit ihren Plänen zur Fiskalkonsolidierung enttäuschte, stieg die Rendite wieder an und liegt aber immer noch unter dem Niveau vor der Wahl. Vor dem Hintergrund zunehmender Schuldenprobleme, insbesondere in Frankreich und potenziell in den USA, könnte die Erwartung einer Haushaltskonsolidierung in immer mehr Ländern Lateinamerikas für internationale Investoren attraktiver machen.

Veränderung der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen seit Anfang 2026 in Prozentpunkten

Auch aus Diversifizierungsgründen kann Lateinamerika für Anleger attraktiv sein. Während die asiatischen Schwellenländer durch die Produktion von Halbleitern und KI-Infrastruktur, insbesondere in Taiwan und Südkorea, stark vom KI-Boom abhängen, spielt Lateinamerika in diesen Wirtschaftsbereichen kaum eine Rolle. Als Rohstoffexporteure profitieren viele lateinamerikanische Länder dagegen von geopolitischen Spannungen, die nicht unmittelbar mit dem KI-Boom verbunden sind.

Im MSCI-Asia-Index entfallen 52,5 Prozent auf den IT-Sektor, während der IT-Sektor im MSCI-Latin-America-Index nicht vertreten ist. Dafür machen Grundstoffe und Energie zusammen 30,8 Prozent des lateinamerikanischen Index aus, gegenüber lediglich 5,6 Prozent in Asien.3 Nach Beginn des Ukrainekriegs legte der lateinamerikanische Aktienmarkt deutlich zu, während Asien nachgab. Mit den Zinssenkungen der US-Notenbank Fed ab Herbst 2024 und der KI-Euphorie seit 2025 stiegen sowohl der asiatische als auch der lateinamerikanische Aktienmarkt. Der jüngste Rückschlag im KI-Boom hat den Asien-Index stark getroffen, während der lateinamerikanische Markt vom Ölpreisboom infolge des Irankriegs profitierte (Abbildung 4).

MSCI Asia vs. Latin America- Indizes, 01. Januar 2022 = 100

Rückenwind, bis das Pendel zurückschlägt

Sollten sich die angekündigten Haushaltskonsolidierungen in Lateinamerika weiter fortsetzen, dürften sich aufgrund des immer noch instabilen makroökonomischen Umfelds in den Industrieländern die Kapitalzuflüsse nach Lateinamerika fortsetzen. Diese bringen Chancen und Risiken mit sich.

Die Kapitalzuflüsse helfen bei der Haushaltskonsolidierung und der Inflationsbekämpfung, was das Wachstum stützt. Bei internationalen Kapitalzuflüssen wertet die lokale Währung tendenziell auf, was importierte Produkte günstiger macht. Bleiben die Regierungen bei ihren Konsolidierungsbemühungen, sinkt der Inflationsdruck, was den Zentralbanken Spielraum für Zinssenkungen gibt. Dies lockert die Finanzierungsbedingungen und erleichtert Investitionen. Wie stark daraus reales Wachstum entsteht, hängt davon ab, inwiefern die Kapitalzuflüsse produktive Investitionen finanzieren. Niedrige Inflation und Wirtschaftswachstum geben den Regierungen zudem Rückenwind für die nächsten Wahlen.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob alle Bevölkerungsschichten von mehr Wachstum profitieren können. In vielen lateinamerikanischen Ländern ist der informelle Sektor groß. Im Jahr 2025 lag der Anteil der informell Beschäftigten bei 22,3 Prozent in Uruguay und sogar 82,3 Prozent in Bolivien. In Brasilien betrug er 35,8 Prozent (ILO 2025). Fehlende oder unzureichend gesicherte Eigentumsrechte erschweren den Zugang zum formellen Finanzsektor. Dadurch können große Teile der Bevölkerung nur eingeschränkt von den verbesserten Finanzierungsmöglichkeiten profitieren.

Wenn Kapitalzuflüsse vor allem etablierten Unternehmen zugutekommen, während große Teile der Bevölkerung weiterhin nur indirekten Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten haben, besteht ein politisches Risiko. Selbst wenn sich die materielle Lage der Bevölkerung verbessert, kann der Eindruck bestehen bleiben, dass die Spielregeln nicht für alle gleich sind. Die Unterstützung für die Regierungen könnte dann wieder schwinden und die Nachfrage nach mehr Umverteilung und staatlichen Eingriffen wieder zunehmen. Ohne institutionelle Reformen, die breiten Bevölkerungsschichten die Teilnahme an der formellen Marktwirtschaft ermöglichen, droht der politische Richtungswechsel deshalb nur vorübergehend zu bleiben (Duarte 2026).

Fazit

Der jüngste Politikwechsel in mehreren lateinamerikanischen Ländern – Argentinien, Bolivien, Honduras, Chile, Peru, Kolumbien – hin zu fiskalischer Stabilität, einem kleineren Staat und mehr Marktwirtschaft macht die Region attraktiver für internationale Investoren, die Alternativen zu den hochverschuldeten Industrieländern und zum KI-Boom suchen. Inwiefern Brasilien nach der Wiederwahl von Lula als Präsident mitmacht, bleibt offen.

Dies könnte zu einer Boomphase in der Region führen, solange die Inflation niedrig bleibt und die Bevölkerung eine Verbesserung ihrer Lebenssituation wahrnimmt. Bisher ist jedoch wenig von Reformen zu hören, die die Privilegien kleiner Bevölkerungsschichten einschränken und mehr Menschen den Zugang zum formellen Sektor der Wirtschaft gewähren. Solange nicht alle den gleichen Zugang zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung haben, könnte die makroökonomische Stabilisierung erneut Enttäuschung hinterlassen und das politische Pendel wieder nach links ausschlagen lassen.

Kurzinterview mit Dr. Pablo Duarte

Warum könnte Lateinamerika vor einem wirtschaftlichen Boom stehen?

Pablo Duarte: Mehrere lateinamerikanische Länder setzen verstärkt auf solide Staatsfinanzen, einen kleineren Staat und mehr Marktwirtschaft. Das macht die Region für internationale Investoren attraktiver. Gleichzeitig suchen Anleger nach Alternativen zu hochverschuldeten Industrieländern. Neue Kapitalzuflüsse könnten Investitionen fördern und das Wirtschaftswachstum ankurbeln.

Welche Rolle spielt die Staatsverschuldung für Lateinamerika?

Duarte: Eine hohe Staatsverschuldung kann die wirtschaftliche Stabilität gefährden und Investoren abschrecken. In Lateinamerika stieg die Schuldenquote von knapp 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2011 auf 74,1 Prozent im Jahr 2025. Argentinien zeigt, dass eine konsequente Haushaltskonsolidierung die Schuldenquote senken und das Vertrauen der Anleger stärken kann.

Warum ist Lateinamerika für Anleger eine Alternative zum KI-Boom?

Duarte: Lateinamerikas Aktienmärkte sind stark von Rohstoffen und Energie geprägt. Diese beiden Sektoren machen zusammen 30,8 Prozent des MSCI-Latin-America-Index aus. In Asien dominiert dagegen die IT-Branche mit 52,5 Prozent. Lateinamerika bietet Anlegern deshalb eine Möglichkeit, ihre Abhängigkeit vom KI-Boom zu verringern und von steigenden Rohstoffpreisen zu profitieren.

Welche Risiken könnten den wirtschaftlichen Aufschwung gefährden?

Duarte: Ein großes Risiko besteht darin, dass breite Bevölkerungsschichten kaum vom Wachstum profitieren. Viele Menschen arbeiten im informellen Sektor und haben nur eingeschränkten Zugang zu Krediten. Wenn vor allem etablierte Unternehmen von Kapitalzuflüssen profitieren, könnte die Unzufriedenheit wachsen. Ohne Reformen droht deshalb eine erneute politische Abkehr von der Marktwirtschaft.

Welche Daten und wissenschaftlichen Quellen stützen die Analyse?

Duarte: Die Analyse nutzt Daten des Internationalen Währungsfonds, der Internationalen Arbeitsorganisation und von MSCI. Hinzu kommen Zeitreihen von Macrobond, der US-Finanzverwaltung und der kolumbianischen Zentralbank. Eine wissenschaftliche Studie von Fernández-Arias aus dem Jahr 1996 erklärt die Bedeutung internationaler und lokaler Faktoren für Kapitalzuflüsse.

1 Siehe zum Beispiel Fernandez-Arias (1996).

2 Ein wesentlicher Teil der argentinischen Staatsverschuldung war in US-Dollar denominiert oder an die Inflation gekoppelt. Mit der Abwertung des Pesos stieg der in Landeswährung ausgedrückte Wert der Fremdwährungsschulden drastisch an. Da der IWF die Schulden zum Wechselkurs am Jahresende bewertet, sie aber ins Verhältnis zum nominalen BIP des gesamten Jahres setzt, wurde die Staatsschuldenquote 2023 durch die abrupte Abwertung stark nach oben verzerrt. Verwendet man stattdessen das annualisierte nominale BIP des vierten Quartals 2023, ergibt sich nach Berechnungen des IWF eine Schuldenquote von 106 Prozent. Siehe IWF (2024, 61).

3 Siehe MSCI EM Latin America Index und MSCI EM Asia Index.

Literatur

Duarte, P. (2026). Lateinamerika und die Rückkehr zur fiskalischen Disziplin. Flossbach von Storch Research Institute, 23. Juli 2026.

Fernández-Arias, E. (1996). The new wave of private capital inflows: Push or pull?  Journal of Development Economics, 48(2), 389-418. https://doi.org/10.1016/0304-3878(95)00041-0

International Labour Organization (ILO). (2025). Panorama Laboral 2025. ILO Regional Office for Latin America and the Caribbean. www.ilo.org/sites/default/files/2025-12/OIT-Informe-PANORAMA-LABORAL-2025.pdf

Internationaler Währungsfonds, IWF, (2024), Argentina: Eighth Review Under the Extended Arrangement Under the Extended Fund Facility, Country Report No. 24/167.

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