KOMMENTAR. Manche hoffen auf satte Renditen durch die anstehenden Börsengänge. Für andere dominieren die Sorgen. Was steck dahinter?
Manche hoffen auf satte Renditen durch die Börsengänge von SpaceX, Anthropic und OpenAI. Für andere dominieren die Sorgen. Das Rekordvolumen der Börsengänge könnte viel Kapital aus anderen Titeln, Sektoren und Assetklassen absaugen und so dort für fallende Kurse sorgen.
Das Hoffen auf die große Rendite
Aus historischer Perspektive ist die Hoffnung, eine hohe Rendite am ersten Handelstag einer Aktie einstreichen zu können, durchaus berechtigt. Das ist dann der Fall, wenn der Aktienkurs am ersten Handelstag oberhalb des Ausgabepreises liegt und wird als Underpricing bezeichnet.
Um durchschnittlich 19 Prozent sind US-Aktien am Tag ihres Börsengangs in den letzten 45 Jahren über den Ausgabepreis angestiegen. Technologietitel stechen besonders hervor. Sie boten in der Vergangenheit am ersten Börsentag einen Preisanstieg von 31 Prozent, während des Dotcom-Booms sogar von 87 Prozent.

Doch dies sind nur Durchschnitte. Seit den 1980er Jahren blieb bei knapp einem Drittel aller Börsengänge in den USA der Börsenkurs unter dem Ausgabekurs. Nicht selten kam es sogar zu einem Kursverfall, also einem Overpricing. Bei den Tech-IPOs des Jahres 2023 verloren Anleger am ersten Handelstag im Durchschnitt 5 Prozent, wie bspw. mit dem Titel Bullfrog AI, der am Ende des ersten Handelstags 26,8 Prozent unterhalb des Ausgabepreises notierte. Auch der Börsengang von Facebook (heute Meta) aus dem Jahr 2012 ist ein prominentes Beispiel dafür, dass Börsengänge nicht mit schnellen hohen Kursgewinnen verbunden sein müssen. Die Aktie wurde damals für USD 38,00 ausgegeben und schloss am ersten Handelstag mit USD 38,23, also lediglich 23 Cent oder 0,61 Prozent mehr.
Wie entsteht Underpricing?
Unsicherheit ist das große Schlagwort bei einem Börsengang. Die Unternehmen SpaceX, Anthropic und OpenAI können derzeit keine Nettogewinne vorweisen. SpaceX hat zwar profitabel arbeitende Geschäftsbereiche (insbesondere Starlink), weist aktuell auf Konzernebene jedoch ebenfalls einen Nettoverlust aus. Die Unternehmen befinden sich in einer Phase hoher Investitionen, die mit Verlusten einhergehen. Um Investoren anzulocken, muss ein vergleichsweise niedriger Preis aufgerufen werden, um die Unsicherheiten mit einer Aussicht auf einen schnellen Kursgewinn zu kompensieren (Beatty und Ritter 1986).
Wird der Kurs bei einem Börsengang zu hoch angesetzt, droht der „Winner‘s Curse“ (engl. Fluch des Gewinners). Gut informierte Anleger bleiben der Emission fern, sodass schlecht informierte Anleger überproportional die teuren Emissionen erhalten. Schlecht informierte Anleger sind also bei der Zuteilung der Aktien relativ erfolgreich, aber eben einen zu hohen Preis zahlen (Rock 1986).
Da das geplante Emissionsvolumen von SpaceX von 75 Mrd. USD auf Rekordniveau liegt, ist auch die Herausforderung sehr hoch, hinreichend viele Investoren zu finden, um Anleger nicht durch den Winner‘s Curse zu verprellen. Doch hier kommt eine entscheidende Veränderung der Regulierung beim Index Nasdaq zum Tragen. Dank einer neuen Fast-Entry-Regel wird SpaceX höchstwahrscheinlich zeitnah in den Aktienindex Nasdaq 100 aufgenommen1 (Schürmann 2026). ETF-Anbieter müssen also zeitnah die SpaceX-Aktien kaufen, um ihre Indexpositionen anzupassen. Die Investorengruppe für die SpaceX-Aktie und mögliche folgende Börsengänge von KI-Unternehmen wird so um passive ETF-Investoren erweitert, die sich nicht für die einzelnen Titel, sondern nur für einen Nasdaq-basierten ETF entschieden haben. Die Aussicht, dass ETF-Anbieter zeitnah den Titel kaufen müssen, kann die Erwartung einer hohen Nachfrage erzeugen und somit die Preise zusätzlich nach oben treiben.
Money left on the table
Während das Underpricing für den Investor erfreulich ist, entstehen für das Unternehmen erhebliche Kosten, da die Aktien zu günstig ausgegeben werden. Man spricht von „money left on the table“, also von verpassten Einnahmen (Loughran und Ritter 2002). Allein im Jahr 2025 summierte sich in den USA das money left on the table auf 13 Milliarden US-Dollar, wobei das Emissionsvolumen 39 Milliarden US-Dollar betrug.2
Die erwarteten Vorteile des Underpricings muss das Unternehmen gegen die Nachteile der entgangenen Einnahmen abwägen. Die Vorteile des Underpricings liegen unter normalen Umständen in einem Reputationseffekt für die Aktie und einem Marketingeffekt für das Unternehmen. Ebenso profitiert das Management von einem gefühlten Anstieg seines Vermögens, wenn es selbst Aktien des Unternehmens hält. Doch im Zuge der KI-Börsengänge könnten das money left on the table eine größere Rolle spielen als in den üblichen Modellen angenommen.
In der Finanzierungslehre erklärt man die Entscheidung eines Unternehmens darüber, wie es den eigenen Kapitalbedarf deckt, mit der sogenannten Pecking Order (englisch für Hackordnung). Die Hackordnung ergibt sich aus den Kosten der Finanzierungsart. Während die Verwendung von einbehaltenen Gewinnen am günstigsten ist, folgt Fremdkapital und schließlich Eigenkapital, welches am teuersten ist. Börsengänge stehen in der Hackordnung also ganz unten und werden durch Underpricing noch teurer (Myers und Majluf 1984).
Bei den KI-Unternehmen sind die eigenen Mittel knapp, da Forschung und Investitionen viel Geld verschlingen. Die Gewinne reichen für die geplanten Investitionen bei weitem nicht aus. Neben dem Anleihemarkt wurden die wesentlich teureren Kredite privater Investoren (Private Debt) genutzt, weil die Banken aufgrund des hohen Risikos keine Kredite vergeben können. Doch auch das konnte den Kapitalhunger nicht stillen. Die geplanten Börsengänge und Kapitalerhöhungen des KI-Sektors deuten an, dass die Unternehmen ganz unten in der Hackordnung angekommen sind. Es wird zunehmend teurer für die massiven Investitionen Gelder einzusammeln. Daher würde das money left on the table im Zuge der KI-Börsengänge die Unternehmen mehr als sonst schmerzen.
Es stellt sich also die Frage, ob es nicht sogar zu einem Overpricing im Zuge der IPOs kommen könnte, da für Elon Musk und SpaceX der Kapitalbedarf eine größere Relevanz hat, als die Kurspflege und die Stimmung der Anleger.
Kann ein Börsengang eine Krise auslösen?
Der Börsengang von SpaceX zieht ein Rekordvolumen von 75 Milliarden USD auf sich, das aus anderen Titeln, Sektoren oder Anlagenklassen abgezogen werden muss. Dies entspricht dem Volumen der vergangenen 250 Börsengänge der Jahre 2022 bis 2025 in den USA3. Derzeit mehren sich die Stimmen, die befürchten, dass der abrupte Abzug eines sehr hohen Volumens aus einem Sektor oder anderen Assetklassen einen starken Preisverfall auslösen könnte.4 Derzeit treffen Börsengänge jedoch auf eine vorteilhafte Marktphase.
Nach der Markt-Timing-Theorie passen Unternehmen für ihren Börsengang Marktphasen ab, in denen die Bewertung und die Risikobereitschaft der Anleger hoch ist (Baker und Wurgler 2002). Dies ermutigt weitere Unternehmen, das Marktumfeld für IPOs zu nutzen. Solche Phasen von „hot IPO markets“ gab es in den USA bereits Anfang der 1980er-Jahre, als viele Rohstoffunternehmen an die Börse gegangen sind und ab Ende der 1990er-Jahre in der Dotcom-Phase. In diesen Phasen fiel das Underpricing in einzelnen Sektoren besonders hoch aus, da die neuen Aktien von einem Hype um den Sektor oder von einer neuen Technologie profitierten.
Das aktuelle Marktumfeld im Tech-Sektor in den USA ist von hohen Bewertungen und einer hohen Konzentration von Kapital auf Hightech-Unternehmen geprägt. Auch die Risikobereitschaft institutioneller und privater Investoren scheint hoch. Die Investorenstimmung hat laut Bank of America den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht. Die globalen Aktienmärkte notieren trotz geopolitischer Unsicherheiten auf Rekordhöhen. Allerdings könnten die IPOs großer Hightech-Unternehmen einen Kursverfall anderer Aktien oder auch anderer Vermögensklassen wie Gold und Kryptowährungen nach sich ziehen, weil umgeschichtet wird.
Fazit
Die Börsengänge von KI-Unternehmen wie SpaceX, Anthropic und OpenAI bieten Anlegern historisch betrachtet attraktive Renditechancen, es gibt jedoch keine Garantie für ein Underpricing. Das rekordverdächtige Emissionsvolumen trifft auf ein günstiges Marktumfeld mit hoher Risikobereitschaft und hohen Bewertungen.
Doch der immense Kapitalbedarf und die Erhöhung der Nachfrage durch die veränderte Regulierung des Nasdaq sowie das immer noch niedrige globale Zinsniveau, das eine Euphorie bei Aktien des Hightech-Sektors begünstigt, dürften die Versuchung erhöhen, den Ausgabepreis zu hoch anzusetzen.
Es bleibt also spannend abzuwarten, ob es bei SpaceX und den folgenden Börsengängen zu einem Under- oder einem Overpricing kommen wird und wie viel Geld Elon Musk, Sam Altman und Kollegen am Ende auf dem Tisch liegen lassen werden.
Literatur
Baker, M. and Wurgler, J. (2002) 'Market Timing and Capital Structure', The Journal of Finance, 57(1), pp. 1–32.
Rock, K. (1986) 'Why New Issues are Underpriced', Journal of Financial Economics, 15(1–2), pp. 187–212.
Beatty, R.P. and Ritter, J.R. (1986) 'Investment Banking, Reputation, and the Underpricing of Initial Public Offerings', Journal of Financial Economics, 15(1–2), pp. 213–232.
Loughran, T. and Ritter, J.R. (2002) 'Why Don't Issuers Get Upset About Leaving Money on the Table in IPOs?', The Review of Financial Studies, 15(2), pp. 413–443.
Myers, S.C. and Majluf, N.S. (1984) 'Corporate Financing and Investment Decisions When Firms Have Information That Investors Do Not Have', Journal of Financial Economics, 13(2), pp. 187–221.
Schürmann, C. (2026) Legales Front Running an der Nasdaq. Flossbach von Storch Research Institute. 22.04.2026 (Link)
1 Ein neu börsennotiertes Unternehmen musste in der Regel mindestens drei Monate gehandelt werden, bevor es für den Nasdaq-100 berücksichtigt werden konnte. Praktisch erfolgte die Aufnahme häufig erst bei einer späteren regulären Indexanpassung. Nun wurden unter anderem das Mindestmaß für „Free Float“ und die Zeit, welche eine Aktie öffentlich gelistet sein muss, abgesenkt. Zudem wird die Aktie rechnerisch mit der dreifachen Größe in den Index einfließen.
2 Siehe IPO Database von Jay Ritter, University of Washington.
3 Siehe IPO Database von Jay Ritter, University of Washington.
4 Siehe beispielsweise Jim Read, DB „CoTD: Will the IPO wave derail equities“, 09.06.2026, Deutsche Bank Research Institute.
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