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28.05.2019 - Kommentare

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Das Engagement der Aktionäre steigt


Die diesjährige Hauptversammlungssaison der DAX-Unternehmen ist so gut wie vorüber. Einige Beobachtungen stechen in diesem Jahr heraus.

Mit dem Aktionärstreffen der Deutschen Bank vom Donnerstag vergangener Woche ist die diesjährige Hauptversammlungssaison der DAX-Unternehmen so gut wie vorüber. Einzig die Aktionärstreffen des Finanzdienstleisters Wirecard im Juni und das der Linde PLC im Juli stehen noch aus. Im Großen und Ganzen hatten die Aktionäre wieder einmal wenig Grund zur Klage: Mit über 36 Mrd. Euro ist die Summe der ausgeschütteten Dividenden bei den DAX-Unternehmen so hoch wie nie zuvor. Wachsenden Konjunktursorgen, schwelenden Handelsstreitigkeiten und einem nicht enden wollenden Brexit Gezanke zum Trotz, ist die Gewinnsituation der Großkonzerne solide und die gerade bei deutschen Anlegern viel beachtete Dividendenkontinuität gewahrt.

Einige Beobachtungen stechen in diesem Jahr heraus. Zunächst ist es erfreulich, dass neben den Ausschüttungen ebenso die Besucherzahlen ein neues Rekordhoch erreicht haben. So lag die Präsenzquote auf den Hauptversammlungen bei ca. 66 %. Dies entspricht der sechsten Steigerung in Folge und einem Anstieg von immerhin 15 Prozentpunkten gegenüber dem Jahr 2013. Dass mittlerweile zwei Drittel der Aktionäre ihr Stimmrecht wahrnehmen, ist Ausdruck einer gesunden Aktionärsdemokratie. Diese verhindert Zufallsmehrheiten und ist mitunter Folge eines gestiegenen Verantwortungsbewusstseins rund um die mit der Aktieninhaberschaft verbundenen Rechte und Pflichten. So erscheint es mittlerweile insbesondere für Großinvestoren lohnenswert, sich aktiv in die Hauptversammlungen einzubringen, sei es um tatsächlich auf die Geschäftspolitik einzuwirken, personelle Veränderungen an der Spitze zu forcieren oder lediglich um der kundenseitig gestiegenen Sensibilität bezüglich Fragen der unternehmerischen Governance Rechnung zu tragen.

Anders als man erwarten durfte, gehen hohe Präsenzquoten nur selten mit einem erhöhten „Redebedarf“ seitens der Anlegerschaft einher. Ein enttäuschender Geschäftsverlauf oder eine hohe Unzufriedenheit mit Governance-Themen allein vermögen es kaum, die Anleger in Scharen zu mobilisieren. So waren auf dem diesjährigen Aktionärstreffen der Deutschen Bank nur gut ein Drittel der Stimmrechte vertreten. Dies entspricht einer Verringerung um 8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr, womit das Bankhaus mittlerweile am Ende des DAX-Tableaus rangiert. Dies mag ob der medialen Präsenz des Bankhauses in den letzten Monaten erstaunen, ist vor dem Hintergrund des hohen Streubesitzanteils des Unternehmens aber auch nicht verwunderlich. Unternehmen bei denen stimmgewaltige Eigentümerfamilien im Hintergrund agieren, wie beispielsweise BMW, Continental und Henkel kamen auch in diesem Jahr wieder auf eine Kapitalpräsenz von mehr als 80 %.

Eine weitere interessante Beobachtung bezieht sich auf die steigende Bereitschaft der Aktionäre, ihrem Unmut durch einen Vertrauensentzug Luft zu machen. Waren Entlastungsquoten von 99% plus X in der Vergangenheit die Regel, so können sich die Verantwortlichen einer derart treuen Gefolgschaft nicht mehr sicher sein. Zwar mutet die durchschnittliche Entlastungsquote eines DAX-Vorstandes von gut 90 % nach wie vor nicht gerade als Meuterei an, doch hat es den Anschein, als seien die Zeiten vorbei, in denen die Eigentümer ihren Vorständen einen Freifahrtschein ausstellten. Zwar kam es mit Bayer lediglich bei einem Konzern zur Nicht-Entlastung des Vorstandes, doch sind vergleichsweise schwache Entlastungsquoten oftmals mit einem starken Reputationsschaden verbunden, der die entsprechenden Personen in der Vergangenheit nicht selten das Amt kostete.

Im Kontext der Entlastung lässt sich in diesem Jahr eine fast perfekte Korrelation zwischen den Entlastungsquoten von Vorstand und Aufsichtsrat ausmachen. Entziehen die Eigentümer dem Vorstand das Vertrauen, so ist es de facto eine ausgemachte Sache, dass sie auch dem kontrollierenden Aufsichtsrat die Gefolgschaft verweigern. So gehen die niedrigen Entlastungsquoten für den Vorstand bei Bayer (44 %), Deutscher Bank (75 %) und Fresenius Medical Care (57 %) mit ebenso niedrigen Entlastungsquoten für die Aufsichtsräte einher (Bayer: 66 %, Deutsche Bank: 72 %, Fresenius Medical Care 52 %). Dass die Eigentümer offenbar kaum zwischen den Organen unterscheiden, könnte gegebenenfalls darauf zurückzuführen sein, dass die Anleger Seilschaften zwischen den Akteuren wittern, die eine effektive Kontrolle verhindern könnten.

Dass in diesem Jahr lediglich vier der 30 Gesellschaften Abstimmungen über das System der Vorstandsvergütung haben vornehmen lassen, dürfte den voraussichtlich im Jahr 2020 wirksam werdenden Änderungen im Aktienrecht geschuldet sein. So müssen börsennotierte Gesellschaften fortan bei jeder wesentlichen Änderung, mindestens aber alle vier Jahre, über das Vergütungssystem abstimmen lassen. Fällt das Vergütungssystem bei den Anlegern durch, so muss der Aufsichtsrat nachbessern und spätestens zur nächsten Hauptversammlung mit einem überprüften System aufwarten. Zudem muss künftig über den Vergütungsbericht abgestimmt werden, in dem unter anderem darüber berichtet werden muss, wie sich Vorstand- und Arbeitnehmervergütung in den vergangenen fünf Jahren entwickelt haben. Da die Eigentümer bei der Vergütungsthematik in den vergangenen Jahren vergleichsweise kritisch waren, dürften die Versammlungen diesbezüglich künftig spannend werden.

Die steigende Bereitschaft zur Kritik in Verbindung mit den ausgeweiteten Aktionärskompetenzen dürfte künftig zu einer weiter wachsenden Präsenz auf den Hauptversammlungen führen. Gut so! Denn getreu dem Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ lässt sich konstatieren, dass wachsendes Aktionärsengagement der Unternehmenswertentwicklung nur selten abträglich war.

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