KOMMENTAR. Der Brexit war eher Folge als Ursache wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Probleme. Es braucht Reformen, für die die gewonnene Souveränität ein Vorteil sein kann.
1. 10 Jahre nach dem Brexit-Votum herrscht Katzenjammer
10 Jahre nach dem Brexit-Votum ist im Vereinigten Königreich die wirtschaftliche und politische Bilanz umstritten. Am 22.6.2026 verkündete der britische Premierminister Keir Starmer seinen Rücktritt, da seine Labour-Partei nach einem beindrucken Wahlsieg gegen die Tories im Juli 2024 rasant an Zustimmung verloren hat. Bald wird das Land – wohl mit Andy Burnham – seinen 7. Premierminister innerhalb von 10 Jahren haben. Der Brexit, für den am 23.6.2016 51,9 Prozent der Briten stimmten, wird von vielen als Kern des Problems gesehen. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2025 hat geschätzt, dass der Brexit die Beschäftigung um drei bis vier Prozent und das Sozialprodukt um sechs bis acht Prozent gesenkt hat (Bloom et al. 2025). Bei t-online ist über Starmer zu lesen.: „Gescheitert ist er jedoch genauso wie seine Vorgänger in erster Linie an den Folgen des Brexits.“
Die Wurzeln der EU-Skepsis reichen weit zurück. Als in den 1950er-Jahren Frankreich und Deutschland den europäischen Integrationsprozess vorantrieben, wollte das Vereinigte Königreich zunächst seine wirtschaftliche und politische Eigenständigkeit bewahren. Erst als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft eine große Wachstumsdynamik entwickelte (und Frankreich seinen Widerstand aufgegeben hatte), trat das Vereinigte Königreich 1973 der Europäischen Gemeinschaft bei. Premierministerin Margaret Thatcher (1979–1990) trieb die Vollendung des Binnenmarkts voran, lehnte aber eine europäische Zentralregierung, eine gemeinsame Währung und eine weitere Verlagerung nationaler Kompetenzen nach Brüssel entschieden ab.
Wo steht das Vereinigte Königreich 10 Jahre nach dem Brexit? Nach Schatzkanzlerin Rachel Reeves habe der Brexit das Land viel Wachstum gekostet. Die hohe Verzinsung britischer Staatsleihen im Vergleich zu anderen EU-Ländern zeigt, dass der Alleingang Kosten hat. Nur noch 30 Prozent der Briten halten den Brexit heute noch für richtig. 57 Prozent würde heute bleiben (Kommer et al. 2026). Aber ernsthafte Forderungen für eine Rückkehr in die EU gibt es auch nicht. Vielmehr gewinnt die Partei Reform UK an Kraft, die die Nachfolgeorganisation der Brexit Party ist. Ihr Führer Nigel Farage setzt auf mehr nationale Souveränität sowie Distanz zu internationalen Institutionen, einschließlich der EU. Erst 2020 hat das Land die EU endgültig verlassen. Wie ist der Brexit heute zu bewerten?
2. Die ursprünglichen Beweggründe für den Brexit
Als langjähriger Vorsitzender der damaligen UK Independence Party (UKIP) war Nigel Farage einer der bekanntesten Verfechter des EU-Austritts, der maßgeblich dazu beitrug, dass das Brexit-Referendum 2016 überhaupt zustande kam. Die Initiatoren innerhalb der konservativen Partei wollten mit dem Brexit die politische Entscheidungsgewalt von der EU und dem Europäischen Gerichtshof zurückgewinnen. Der britische Finanzmarkt fühlte sich durch eine von Frankreich ausgehende immer striktere Finanzmarktregulierung bedroht (Vaubel 2019). Viele wollten die Einwanderung aus der EU bremsen, weil sie ihrer Meinung nach auf das Lohnniveau drückte und den Wohnungsmarkt belastete. Die hohen Nettozahlungen an die EU könnten im Vereinigten Königreich eine bessere Verwendung finden, hieß es.
Die Remainers hatten hingegen vor sinkendem Wachstum bei einer Abkopplung vom europäischen Binnenmarkt gewarnt (Perri 2019). Handel und wirtschaftliche Integration schaffen bekannterweise mehr Wohlstand. Die Zuwanderung aus der EU stelle unentbehrliche Arbeitskräfte für das Gesundheitssystem, die Bauindustrie und den Dienstleistungssektor bereit. Zusammen mit anderen EU-Ländern habe das Vereinigte Königreich eine stärkere globale Strahlkraft. Denn die EU verhandelt als Wirtschaftsraum mit rund 450 Millionen Menschen, gegenüber den USA oder China hat sie dadurch mehr Verhandlungsmacht.
Jenseits der Argumente entwickelte sich die Brexit-Abstimmung zu einer Abrechnung mit dem Establishment. In gut situierten Regionen wie London, Universitätsstädten und Südengland konnte „Remain“ zwar punkten. Doch vielerorts wurde die starke Zuwanderung aus Osteuropa mit knappem Wohnraum, einer sinkenden Kaufkraft der Löhne und einer dysfunktionalen Infrastruktur in Verbindung gebracht. „Leave“ war stark in Regionen, wo man das Gefühl hatte, dass sie von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte nicht profitiert hatten. Das galt für Nord- und Mittelengland, viele Küstenregionen, ländliche Gebiete sowie ehemalige Industriezentren in England und Wales.

3. Erfüllte und enttäuschte Hoffnungen und Befürchtungen
Haben sich die Hoffnungen erfüllt und sind die Befürchtungen eingetreten? Wie vom „Leave“-Lager versprochen, hat die Nettozuwanderung aus der EU immer weiter abgenommen und war ab 2023 sogar negativ (Abb. 1). Doch in der Coronakrise wurde die Beschäftigung im Gesundheitssektor stark ausgeweitet, was zusammen mit einem neuen Punktesystem die Zuwanderung aus Drittländern wie Indien, China und Pakistan immens beschleunigt hat. Die Dimension der Zuwanderung aus Drittländern überstieg bei Weitem die bisherige Zuwanderung aus der EU. Erst als die britische Regierung ab 2023 die Zuwanderungsregeln für Arbeitskräfte verschärfte, ging der Zuzug aus Nicht-EU-Ländern wieder zurück, liegt aber immer noch über dem Niveau der Zuwanderung aus der EU zur Zeit des Brexit-Votums.

Der Warenexport in die EU hat – wie von den Remainers befürchtet – gelitten, da sich der bürokratische Aufwand stark erhöht hat. Das hat vor allem kleine und mittlere Unternehmen getroffen. Schätzungsweise 16.000, vor allem kleine Unternehmen sollen sich seit dem Brexit aus dem Handel mit der EU zurückgezogen haben. Doch die Warenexporte in die EU gingen bereits seit 2008 zurück, während der Rest der Welt – wie von „Leave“ argumentiert – stark an Bedeutung gewonnen hat (Abb. 2, oben). Dafür könnte verantwortlich sein, dass die EU immer weniger wächst. Die Importe des Vereinigten Königreichs sind nicht nur aus dem Rest der Welt gestiegen, sondern auch aus der EU (Abb. 2, unten).
Im Jahr 2020 hat die EU die Taxonomie beschlossen. Diese sieht vor, dass alle Investitionsprojekte nach Umwelt- und Klimakriterien kategorisiert und danach Kredite zugeteilt werden (Kooths 2022). Die damit verbundene Bürokratie und staatliche Lenkung der Kapitalallokation wird den britischen Banken (und Unternehmen) erspart bleiben. Weitreichende Reformen im Finanzmarkt haben dem Finanzplatz London in Europa einen wichtigen Vorteil verschafft. Im Ergebnis hat der Export von Finanzdienstleistungen seit 2016 deutlich zugenommen, bis 2025 um 70 Prozent in die EU und um 80 Prozent in die Nicht-EU-Länder (Abb. 3). Letztere sind für den Finanzplatz London deutlich wichtiger.

4. Was hat die Autonomie gebracht?
Die Stimmung im Vereinigten Königreich ist vor allem wegen der anhaltend angespannten wirtschaftlichen Lage schlecht. Mit einem durchschnittlichen Wachstum von 1,37 Prozent seit 2016 liegt das Vereinigte Königreich zwar deutlich hinter Spanien (2,10 Prozent), aber vor Frankreich (1,20 Prozent), Italien (1,07 Prozent) und Deutschland (0,76 Prozent). Die durchschnittliche Inflationsrate ist in diesem Zeitraum mit 3,32 Prozent deutlich höher als in den anderen großen EU-Ländern. Bei der Arbeitslosenquote von aktuell rund 5,6 Prozent schneidet die Insel unter den fünf größten westeuropäischen Ländern nur schlechter als Deutschland (3,9 Prozent) ab. Das Vereinigte Königreich ist aus makroökonomischer Sicht also nach dem Brexit nicht klar schlechter dran.

Zwar ist die Staatsverschuldung als Anteil am Bruttoinlandsprodukt mit 104 Prozent des Bruttoinlandsprodukts höher als in Deutschland (65 Prozent), aber deutlich niedriger als in Frankreich (118 Prozent) und Italien (138 Prozent). Allerdings schmerzt, dass das Vereinigte Königreich mit 4,86 Prozent einen deutlich höheren Zins auf seine Staatsanleihen als Frankreich (3,70 Prozent) und Italien (3,64 Prozent) zahlen muss (Abb. 4), weil es nicht von impliziten Garantien niedrig verschuldeter Euroländer profitieren kann. Doch schon vor dem Brexit war man kein Mitglied des Euroclubs – und ein Eurobeitritt stand ohnehin nie zur Diskussion.
Auch beim Wechselkurs gibt es keinen eindeutigen Trend. Zwar stürzte das britische Pfund mit der Brexit-Entscheidung um rund 10 Prozent gegenüber dem Euro ab (Abb. 5). Doch wurde dadurch nur eine vorherige starke Aufwertung revidiert. Seither notiert das Pfund gegenüber dem Euro überraschend stabil. Der große Absturz des Pfunds gegenüber dem Euro kam vielmehr mit der globalen Finanzkrise 2008, der den Finanzplatz London stark getroffen hat. Nimmt man also den Wechselkurs als Fieberthermometer für den Gesundheitszustand des Vereinigten Königreichs, dann ist der Zustand weder besser noch schlechter im Vergleich zur EU.

5. Was die Zukunft bringen kann
Die schlechte Stimmung heute kann also eigentlich nicht vorwiegend am Brexit liegen. Vielmehr hat das Vereinigte Königreich seit der Jahrtausendwende ähnliche wirtschaftspolitische Fehler wie andere große EU-Länder gemacht (Müller und Schnabl 2019): Zu stark steigende schuldenfinanzierte Staatsausgaben, wuchernde Regulierung und eine dauerhaft zu expansive Geldpolitik haben zusammen die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten geschwächt. Der Brexit kann also als Folge einer fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik gesehen werden, als Therapie dient er aber nicht.
Dass die Briten netto seit langem aus ihrem eigenen Land netto abwandern (Abb. 1), sollte ein wichtiger Hinweis auf ungelöste Probleme sein. Damit es besser wird, braucht es eine wirtschaftspolitische Kehrtwende wie unter Premierministerin Margaret Thatcher: Eine entschlossene Kürzung der Staatsausgaben, umfassende Deregulierung sowie eine stabilitätsorientiertere Geldpolitik. Nigel Farage hat sich Teile dieser Positionen zu eigen gemacht, doch einen umfassenden Einschnitt in den kostspieligen Sozial- und Gesundheitssektor will auch er nicht.
In der EU verhindern derweil komplizierte supranationale Entscheidungsstrukturen weitereichende Deregulierungen. Eine drohende Vergemeinschaftung von Staatsverschuldung macht die Konsolidierung der Staatsfinanzen aus nationaler Sicht unattraktiv, weshalb die Europäische Zentralbank wohl auf Dauer die geldpolitischen Zügel locker halten muss. Sofern in Europa die Staatsoberhäupter eines Tages den Willen und die Kraft zu Reformen finden sollten, könnte das Vereinigte Königreich mit der wiedergewonnenen Souveränität einen wichtigen Vorteil haben.
Kurzinterview mit Dr. Sven Ebert & Prof. Dr. Gunther Schnabl
Zehn Jahre nach dem Brexit ist die Stimmung im Vereinigten Königreich schlecht. Es gibt bald den 7. Premierminister. Ist der Brexit gescheitert?
Gunther Schnabl: Nicht unbedingt. Viele Briten sind zwar enttäuscht, doch die Ursachen der Unzufriedenheit reichen weiter zurück als der Brexit. Schwaches Produktivitätswachstum, zu hohe Staatsausgaben, wuchernde Regulierung und Kaufkraftverluste bestanden bereits vor dem Brexit-Votum. Das Grundproblem ist – wie in anderen EU-Ländern auch – eine verfehlte Wirtschaftspolitik.
Hat der Brexit die Hoffnungen seiner Befürworter erfüllt?
Sven Ebert: Nur teilweise. Die Zuwanderung aus der EU ist deutlich zurückgegangen und die nationale Souveränität wurde gestärkt. Aber die Zuwanderung aus Drittstaaten ist stark angestiegen und die neu gewonnene Souveränität wurde nicht für nötige Reformen genutzt.
Welche wirtschaftlichen Nachteile brachte der Brexit mit sich?
Ebert: Vor allem der Handel mit der EU wurde durch zusätzliche Bürokratie erschwert. Besonders kleine und mittlere Unternehmen leiden unter höheren administrativen Kosten. Das hat den Warenexport in die EU belastet. Andererseits hat der Handel mit Drittländern das mehr als überkompensiert.
Gibt es auch positive Folgen des Brexits?
Schnabl: Ja. Der Finanzplatz London hat von weniger Regulierung profitiert und damit seine internationale Bedeutung behauptet. Die Exporte von Finanzdienstleistungen sind seit dem Brexit-Votum deutlich gestiegen. Es würde auch nicht verwundern, wenn hinter den Kulissen der Finanzsektor den Brexit mit vorangetrieben hat.
Ist das Vereinigte Königreich wirtschaftlich schlechter aufgestellt als die EU?
Ebert: Die Daten liefern kein eindeutiges Bild. Das Wachstum lag seit 2016 über dem von Deutschland, Frankreich und Italien. Gleichzeitig war aber die Inflation höher. Besonders schmerzt, dass die Zinsen auf Staatsanleihen höher als in Frankreich und Italien liegen, obwohl die Staatsverschuldung niedriger ist. Aber auch in der EU war das Vereinigte Königreich nicht im Euroclub.
Welche Lehre lässt sich aus zehn Jahren Brexit-Votum ziehen?
Schnabl: Der Brexit war eher eine Folge wirtschaftlicher und politischer Unzufriedenheit als deren Ursache. Ob das Vereinigte Königreich künftig erfolgreicher sein wird, hängt weniger vom EU-Austritt ab als von dem Willen und von der Fähigkeit, Reformen umzusetzen. Das könnte dank der neu gewonnenen Souveränität leichter als für EU-Länder sein, wenn man sich eines Tages doch noch zu Reformen entschließen sollte.
Referenzen
Bloom, Nicholas / Bunn, Philip / Mizen, Paul / Smietanka, Pawel / Abrahams, Sasha 2025: The Economic Impact of the Brexit. NBER Working Paper 34459.
Kommer, Florian / Benford, Jake / Schmidt, Daniela 2026: 10 Years After the Brexit Referendum: What Public Opinion Reveals About EU–UK Relations. Bertelsmannstiftung Europe 22.6.2026.
Kooths, Stefan 2022: EU Taxonomy: Mission Impossible.The Economists’ Voice 19, 2, 243–249.
Müller, Sebastian / Schnabl, Gunther 2019: The Brexit as a Forerunner: Monetary Policy, Economic Order and Divergence Forces in the European Union. The Economists Voice 16,1.
Office for National Statistics 2026: Long-term International Migration, Provisional: Year Ending June 2025. 27.11.2025.
Perri, Salvatore 2019: The Risks of Hard Brexit for the United Kingdom. The Economists' Voice 16, 1.
Vaubel, Roland 2019: Explaining Brexit: How the City of London Come to Be Regulated by the European Union. The Economists' Voice 16, 1.
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