10.11.2020 - Kommentare

DAX 30 oder DAX 40? Viel Lärm um Nichts.


Die Diskussion ist lebhaft. Mehr als 600 Antworten unterschiedlichster Marktteilnehmer hat die Deutsche Börse im Rahmen ihrer Konsultation zur geplanten DAX-Reform erhalten. Wie die Umbaumaßnahmen für den deutschen Leitindex konkret aussehen werden, wird der Börsenbetreiber am 23. November bekanntgeben. Doch bereits jetzt steht fest: Eine Revolution wird es nicht.

Und dennoch klingt das Vorhaben der Deutschen Börse, den DAX 30 nach über drei Jahrzehnten des Bestehens neu aufzustellen, nach Aufbruch. Der DAX soll resilienter und repräsentativer werden. Fortan sollen nur noch profitable Unternehmen in den Leitindex aufgenommen werden, die zudem gewisse Corporate Governance Regeln zu beachten haben. Wie auch immer „Profitabilität“ definiert und für alle Branchen belastbar gemessen werden soll, eines wird deutlich: Pleitekandidaten und solche, die ihrer Pflicht zur fristgerechten Veröffentlichung ihrer Konzernabschlüsse nicht nachkommen, sollen künftig nichts mehr im Leitindex verloren haben. Die Krisenfestigkeit soll hergestellt werden, indem die Anzahl der Unternehmen um zehn auf 40 erhöht wird.

Schaut man sich die Auswirkungen im Detail an, die eine derartige DAX-Reform mit sich brächte, so wird schnell deutlich, dass die zu erwartenden Veränderungen weitaus geringer ausfallen als die enorme Resonanz der Konsultation erwarten lässt. So zeigt sich: Wenn der DAX um zehn Unternehmen aufgepolstert würde, stiege zwar die Anzahl der enthaltenen Unternehmen um ein Drittel, seine Marktkapitalisierung jedoch gerade einmal um acht Prozent.1 Der MDAX hingegen würde eine enorme Abwertung erfahren, da er ein Drittel seiner Marktkapitalisierung einbüßen würde.

Die Befürworter der Aufstockung verweisen gerne auf andere europäische Leitindizes, die ein wesentlich breiteres Set an Unternehmen enthielten. Somit seien sie besser in der Lage, die gesamtwirtschaftliche Stimmung über verschiedene Branchen hinweg abzubilden. Eine weitaus höhere Anzahl von Unternehmen lässt sich bei den anderen Leitindizes jedoch nicht ausmachen.  So umfasst der spanische IBEX 35 Unternehmen, der italienische MIB ebenso wie der französische CAC 40 Unternehmen und der Schweizer SMI gar nur 20 Konzerne. Der DAX fällt also zumindest nicht weit ab. Einzig der britische FTSE kommt mit 100 Unternehmen mit einer deutlich größeren Anzahl daher. Einen derart breiten Index gibt es hierzulande jedoch bereits: Den HDAX, der aus DAX 30, MDAX und TecDAX besteht und mehr als 100 Unternehmen enthält. Doch ist die Branchenkonzentration des DAX auch auf Basis des derzeitig vermeintlich so schmalen Unternehmenssamples so gering wie in keinem anderen der angeführten Leitindizes.

Und wie steht es um die wirtschaftliche Robustheit? Dieser Frage sind wir in einer aktuellen Studie nachgegangen. Es zeigt sich, dass sich die DAX Unternehmen in der zurückliegenden Dekade gegenüber ihren europäischen Pendants sehr gut behaupten konnten. Nicht nur stellte sich die Verschuldungs- und Ertragssituation besser dar, auch war die erzielte Wertentwicklung des DAX weit besser. Wahr ist aber auch: Die Unternehmen aus der zweiten deutschen Börsenreihe vermochten in unserer Analyse sowohl fundamental als auch in Bezug auf ihre Aktienkursentwicklung noch deutlicher zu überzeugen.

Also erführe der DAX durch eine Erweiterung doch eine Aufwertung? Nein. Denn der Einfluss der neuen Mitglieder wäre so gering, dass die geplante Ausweitung um zehn Unternehmen die Anteile der verschiedenen Sektoren nur um jeweils maximal 2 Prozentpunkte verändern würde. Verändern meint in diesem Kontext allerdings, dass bisher hochgewichtete Branchen, wie etwa die Chemie- und Versicherungsindustrie, ein noch stärkeres Gewicht bekämen. Andererseits gilt es zu konstatieren, dass immerhin die Rendite des DAX-40 gegenüber dem bisherigen DAX-30 über die letzten drei Jahre um sagenhafte 0,2 Prozent höher läge, in Summe wohlgemerkt.

Zweifelsohne wäre es jedoch wünschenswert, wenn künftig vermehrt zukunftsträchtigere Geschäftsmodelle Eingang in den DAX finden würden. Es ist jedoch anzunehmen, dass durch die Profitabilitätsanforderungen gerade jungen und wachstumsstarken Unternehmen, denen es allerdings noch an entsprechenden Gewinnen fehlt, der Zutritt zum Börsenolymp verwehrt bliebe. Die Zahlungsbereitschaft der Anleger und damit die Marktkapitalisierung eines Unternehmens wird jedoch durch die erwartete zukünftige Entwicklung determiniert. Solange die Börsianer ihre Entscheidungen auf Basis verlässlicher Informationen treffen können, sollte man ihnen die Bepreisung und damit Beantwortung der Frage überlassen, ob ein Unternehmen zum DAX gehören sollte. Die ebenso diskutierte Anforderung, fristgerecht Jahresabschlüsse und Zwischenberichte zu veröffentlichen und einen Prüfungsausschuss zu installieren, ist daher begrüßenswert, aber auf einem funktionsfähigen Kapitalmarkt nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit.

Bei der hitzigen Diskussion geht eines unter: Der DAX ist „nur“ ein Index. Ein Index, der die fundamentale Entwicklung der Konzerne und die Erwartungen der Marktteilnehmer über Aktienkurse abbildet, aber mitnichten bestimmt. Dass die Konsultation zur Ausgestaltung des DAX offenbar dennoch hunderte Interessenten motiviert hat, sich in die Diskussion einzubringen, mag auch darauf zurückzuführen sein, dass mit Indizes und darauf basierenden Indexfonds viel Geld verdient wird. Dass die Anzahl der weltweiten Aktienindizes die Anzahl der Aktien nach Schätzungen der Financial Times um mehr als das Siebzigfache übertrifft, ist Ausdruck dessen.2

Die Deutsche Börse wird es am Ende nicht allen Marktteilnehmern recht machen können. Dass die bisherigen 30 Konzerne bereits 75 % der Marktkapitalisierung des deutschen Aktienmarktes repräsentieren, offenbart ein viel diskussionswürdigeres Problem: Es fehlt schlicht an börsennotierten Unternehmen. Denn dass Deutschland ein Land der Aktienmuffel ist, gilt leider nicht nur anlegerseitig. Die Aktie als Instrument der Unternehmensfinanzierung ist hierzulande unbeliebt. Es braucht daher eine breit angelegte Diskussion darüber, wie man die Aktie sowohl aus Anlage- als auch als Finanzierungsinstrument insgesamt populärer machen könnte, um breite Bevölkerungsschichten am Produktivkapital zu beteiligen.

Die Diskussion, ob der DAX nun letztlich 30 oder 40 Unternehmen enthalten sollte, ist daher nur eins: Viel Lärm um Nichts.


1 Vgl. Deutsche Börse (2020): https://go.qontigo.com/Marktkonsultation-Deutsch.html. Abgerufen am 05. November 2020.

2 Vgl. Financial Times (2018): Number of stock indices at 3m dwarfs tally of quoted companies, FT vom 22. Januar 2018.

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