27.05.2019 - Kommentare

MMT: Ein ansteckender Virus


Was steckt eigentlich hinter dem Hype um die Modern Monetary Theorie oder kurz MMT? Die charismatische US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez verhalf der MMT Anfang des Jahres noch zu großem Aufsehen, doch nun scheint die Welle wieder abgeebbt zu sein. Woran liegt’s?

Trotz der jüngsten Renaissance und dem Wort „modern“ im Namen, sind die Grundgedanken zur MMT bereits in Werken von Knut Wicksel (1898) und Georg Friedrich Knapp (1905) zu finden.1 Vereinfacht besagt sie, dass Staaten unbeschränkt Geld drucken können, um ihre Ausgaben zu finanzieren, da sie nicht in ihrer eigenen Währung bankrottgehen können. Dies ermögliche einen einfachen Weg zur Vollbeschäftigung und Wohlstand – ein tolles Narrativ. Jüngst wird die Theorie von der Tatsache gestützt, dass trotz übermäßigem Gelddruckens in den USA, Europa und Japan, die Inflation ausbleibt.

So simpel und schön die MMT klingt, so schwer fällt es auch zu glauben, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme einfach gelöst werden können. Nicht nur musste Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts die bittere Erfahrung machen, dass Gelddrucken keineswegs zu Wohlstand führt, aktuell leiden Simbabwe und Venezuela unter einer Hyperinflation. Des Weiteren bleibt die Gelddruck-Inflation zumindest in Deutschland und Europa nicht wirklich aus. Die Preissteigerung findet in Bereichen statt, die bei der offiziellen Berechnung der Inflation nicht berücksichtigt werden: Vermögensgüter haben sich in den letzten Jahren rasant verteuert.2

Da die Idee der MMT leicht zu verstehen und weiterzugeben ist und ihre Implikationen einfach zu schön klingen, bildet die MMT ein Narrativ, welches wirtschaftlichen Aufschwung und Vollbeschäftigung verspricht. Das Narrativ wird schnell aufgenommen und durch Diskussionen, Presse und Soziale Medien weitergegeben. Es wirkt wie ein Virus, der sich in der Bevölkerung ausbreitet. Schnell wird man jedoch von dem Virus auch wieder geheilt, wenn nicht sogar immunisiert, sobald man die Gedanken etwas sacken lässt oder sich weiter informiert.

Die untere Graphik zeigt, wie häufig in der News-Datenbank von Bloomberg Artikel zum Thema „Modern Monetary Theory“ erschienen sind. Seit Anfang 2019 ist die Anzahl stark angestiegen und hat Mitte März ihren Höhepunkt erreicht. Anschließend ging die Häufigkeit wieder deutlich zurück.

Mit Hilfe des SIR-Models der Epidemiologie, kann man die Ansteckungskraft und Genesungsrate eines Narrativ bestimmen.3 Die geschätzte Ansteckungskraft des Narrativ ist mit 44 % sehr hoch. Dies bedeutet, dass in 44 von 100 Fällen der neue Wirt das Virus aufnimmt und weitergibt. So hoch die Ansteckung ist, so hoch ist auch mit 30 % die Genesungsrate. Von 100 Infizierten kommt es bei 30 schnell zu einer Heilung. Innerhalb des SIR-Modells steht Heilung sogar für Immunisierung, was bedeutet, dass man sich von dem Hype um die MMT nicht erneut anstecken lassen kann.

Das Verhältnis von Ansteckungskraft zu Genesungsrate beschreibt die Intensität des Narrativs. Mit einem Verhältnis von 1,5 kann das Narrativ der MMT eher als kurzfristiger Effekt betrachtet werden. Es verbreitet sich zwar rasant, verschwindet jedoch auch schnell wieder.  Zum Vergleich: Für die Preisexplosion des Bitcoin Ende 2018 betrug die Intensität der Narrative um den Bitcoin 2,4.4

Das Narrativ von Vollbeschäftigung und Wohlstand hat der MMT zu einem Hype verholfen. Nun flaut dieser jedoch wieder stark ab und droht gar von der Bildfläche zu verschwinden. Da einfach zu viel gegen die Erkenntnisse der Theorie spricht, lassen die meisten schnell von ihr wieder ab.

Wie bei einem Virus bedarf es nun einer Mutation, damit es zu einer neuen Epidemie kommen kann. Vielleicht wird es der Vorwahlkampf der US-Demokraten oder weitere Prominente sein, die sich für die Theorie stark machen. Dann wird sich zeigen, ob die Immunisierung gegen die MMT permanent oder doch nur temporär war.


1 Knut Wicksell: Geldzins und Güterpreise, 1898, Georg Friederich Knapp: Staatliche Theorie des Geldes, 1923.
2 Immenkötter 2019: FvS Vermögenspreisindex für Deutschland und Europa, Flossbach von Storch Research Institute, www.flossbachvonstorch-researchinstitute.com.
3 Kermack, McKendrick (1927): „A Contribution to the mathematical Theory of Epidemics“, aus Proceedings of the Royal Society (772), sowie Robert Shiller (2017): “Narrative Econmics”, Presidential Address, gehalten am 129. Annual Meeting der American Economic Association, 7.  Januar 2017, Chicago, USA.
4 Immenkötter (2018): “Wie sich Geschichten verbreiten und Preise beeinflussen“, Flossbach von Storch Research Institute, www.flossbachvonstorch-researchinstitute.com.

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