22.09.2021 - Kommentare

Huntington Reloaded

von Thomas Mayer


Während sich die Europäische Union mit kostspieligen „Wiederaufbauprogrammen“ nach der Corona-Krise und hehr verkündeten „Green New Deals“ zum Klimaschutz („man-on-the-moon-moment“) mit sich selbst beschäftigt, kommt von ihr unbemerkt eine schon länger währende Veränderung der Welt zum Durchbruch: Die Aufspaltung in miteinander rivalisierende Zivilisationen.

Es scheint, die politischen Matadore in Brüssel und den nationalen Hauptstädten haben keine Ahnung davon, was um sie herum vorgeht.Sie wurden vom abrupten Abzug der US-Truppen aus Afghanistan ebenso kalt erwischt wie von der Gründung von AUKUS, dem trilateralen Bündnis zwischen Australien, Großbritannien und den USA. Ihre Reaktionen sind von Weinerlichkeit oder (wie in Frankreich auf den Verlust des australischen Auftrags zum Bau von U-Booten) kindischem Zorn geprägt. Im „Kampf der Kulturen“ droht die EU zwischen den Stühlen zu landen.

Kampf der Kulturen

Im Jahr 1996 legte Samuel P. Huntington auf der Grundlage eines drei Jahre zuvor in Foreign Affairs veröffentlichten Aufsatzes ein Buch mit dem Titel The Clash of Civilizations vor, der als „Kampf der Kulturen“ ins Deutsche übersetzt wurde. Im Aufsatz und Buch vertrat er die These, dass dem vom Kampf der Ideologien bestimmten zwanzigsten Jahrhundert ein vom Kampf der Kulturen bestimmtes einundzwanzigstes Jahrhundert folgen würde. Das Ende des kalten Krieges und die zunehmende Globalisierung würde die Menschen zur Suche nach Identität veranlassen, die sie in ihrer Kultur finden würden. Die Kultur wiederum, so Huntington, würde wesentlich von der Religion bestimmt. Denn Religion, die geteilte Vorstellung vom Jenseits und Sinn des Lebens, sei die mächtigste Bindungskraft menschlicher Gemeinschaften, vom Stamm über die Nation bis zur Kulturgemeinschaft.

In einer Weltkarte der Kulturen identifizierte Huntington neun Kulturkreise: den (1) westlichen, (2) lateinamerikanischen, (3) afrikanischen, (4) islamischen, (5) sinischen (chinesischen), (6) hinduistischen, (7) orthodoxen, (8) buddhistischen und (9) japanischen. Kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede würden die Interessen, Antagonismen und Verbindungen von Staaten bestimmen. Die wichtigsten Länder der Welt kämen überwiegend aus unterschiedlichen Kulturen. Lokale Konflikte zwischen diesen würden wahrscheinlich zu größeren Kriegen führen. Dabei würde sich die Macht von der lange dominanten westlichen zu nicht-westlichen Kulturen verschieben.

Ende der westlichen Dominanz

Obwohl er sie mit vielen Fakten und Analysen begründete, stieß Huntingtons These überwiegend auf Ablehnung. Mitte der 1990er Jahre war der Glaube an den globalen Siegeszug der westlichen Kultur, die gerade ihre Überlegenheit gegenüber dem Sowjetkommunismus bewiesen hatte, sehr groß. Verschiedene Präsidenten, vor allem der ab 2001 regierende George W. Bush und seine neo-konservative Umgebung, meinte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in muslimischen Gesellschaften mit Waffengewalt durchsetzen zu können. China sollte sich durch Annäherung an den Westen wandeln und in die von den USA nach dem zweiten Weltkrieg geformte Weltordnung eingebunden werden. Beide Vorhaben sind jedoch gescheitert. Die letzten Fanale dieses Scheiterns sind die Corona Pandemie und der Verlust Afghanistans.

Fanale des Scheiterns

Die Corona Pandemie ging von China aus. Dennoch hat sie den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes sowie das Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung in die Überlegenheit der chinesischen Kultur bestärkt. Vor der Pandemie (im vierten Quartal 2019) betrug das Bruttoinlandsprodukt Chinas (in US-Dollar) 66 Prozent des BIP der USA. Im Verlauf der Pandemie ist es auf 78 Prozent (im zweiten Quartal 2021) angestiegen. In China und ihm kulturell verwandten Ländern ist die Meinung weit verbreitet, mit der Pandemie besser umgehen zu können als der Westen.

Nach über zwanzig Jahre dauernden Bemühungen war es klar, dass das Vorhaben, in Afghanistan einen demokratisch verfassten Rechtsstaat nach westlichem Muster aufzubauen, gescheitert war. Der mit dem militärischen Abzug zeitgleiche Kollaps aller mit teurem Geld vom Westen aufgebauten Institutionen war dennoch ein Schock. Die Niederlage trifft den Westen nicht so ins Mark wie die Sowjetunion ihre Niederlage drei Jahrzehnte zuvor, aber sie dürfte den Anspruch des Westens, die islamische Welt nach seinen Vorstellungen formen zu können, für sehr lange Zeit beendet haben.

Weitgehend erfüllte Prognosen

Liest man Huntingtons Buch heute, empfindet man viele seiner Einschätzungen als prophetisch. Insbesondere hat er den Antagonismus der islamischen und sinischen Kulturen gegenüber dem Westen früh erkannt. Seiner Vorhersage, dass die USA mit China in einen Kampf um die globale Hegemonie eintreten und die islamische Welt eine Front gegen den Westen bilden würde, kann heute niemand mehr widersprechen. Auch seine Aussage „Islam’s borders are bloody, and so are its innards” kann man nicht mehr empört zurückweisen.

Aber man stolpert auch über Ansichten, die auf den ersten Blick überholt erscheinen. So hat im Westen die Suche nach Identität nur teilweise die Hinwendung zur Religion befördert. Vor allem in den während des kalten Krieges unter sowjetischem Einfluss stehenden europäischen Ländern hat der christliche Glaube Aufwind bekommen. In Westeuropa und den USA hat die Suche nach Identität dagegen zunächst zur Zerfaserung der Gesellschaft in nach ethnischer Herkunft oder sexueller Orientierung sortierten Identitäten geführt. Ob sich die Mehrheitsgesellschaft die Tyrannei gut organisierter Minderheiten allerdings auf Dauer gefallen lässt, kann man bezweifeln.

In China beruft sich Xi Jinping auf Marx und Mao. Schaut man jedoch genauer hin, wird klar, dass die chinesische Staatsführung weder das marxsche Ideal einer kommunistischen Gesellschaft in Freiheit lebender Individuen verfolgt, noch zur maoistischen Unterdrückung jeder Eigeninitiative und rigiden Zentralplanung zurückkehren will. Eher scheint es, dass sich Xi von der verwässerten Version des Konfuzianismus distanzieren will, die einige seiner Vorgänger vertreten haben. Das konfuzianische Erbe von Autorität, Ordnung, Hierarchie und des Vorrangs der Gemeinschaft gegenüber dem Individuum bleibt auch unter Xi essenziell. Und als „unentbehrlicher Führer“ ohne Begrenzung seiner Amtszeit hat er mehr Ähnlichkeit mit den chinesischen Kaisern vor ihm als seinen unmittelbaren Vorgängern.

Der „Clash“ ist da

Von den neun von Huntington identifizierten Kulturen ist in Übereinstimmung mit seiner Vorhersage der „Clash“ zwischen der westlichen Kultur auf der einen Seite und den islamischen, sinischen und orthodoxen Kulturen auf der anderen in vollem Gang. Dabei kommt es zu zeitweiligen Zweckbündnissen zwischen den anti-westlichen Kulturen, wie es in der partiellen Zusammenarbeit von China, Russland und Iran zu sehen war. Und vor dem Hintergrund der Bedrohung durch China kommt es auch zu engerer Kooperation Japans und loser Kooperation der hinduistischen und buddhistischen Kulturen mit dem Westen. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Schwäche spielen die lateinamerikanischen und afrikanischen Kulturen nur im Bereich der Migration eine für den Westen relevante Rolle.

USA fokussieren auf China

Der Abzug der USA aus Afghanistan und die Schaffung eines indopazifischen Bündnisses zeigt, dass US-Präsident Biden die Herausforderung der USA durch China sehr ernst nimmt. Seine Amtszeit und die seiner Nachfolger dürfte von Anstrengungen zur Eindämmung Chinas geprägt sein, wie die der US-Präsidenten der Nachkriegszeit von der Eindämmung der Sowjetunion. Dafür brauchen die USA ihre ganze Kraft. Daher die Fortsetzung wesentlicher Elemente der Außenpolitik von Trump durch Biden, daher auch der Vollzug des von Trump eingeleiteten weitgehenden Rückzugs aus der islamischen Welt.

Aber politische Macht beruht immer auch auf wirtschaftlicher Kraft. Sowohl der „heiße“ zweite Weltkrieg als auch der „kalte Krieg“ danach wurde durch die wirtschaftliche Überlegenheit der USA entschieden. Heute dürfte es den USA schwerer fallen, ihre wirtschaftliche Überlegenheit gegenüber China zu behaupten. Folglich werden die USA alle Kräfte bündeln müssen, um wenigstens die Eindämmung Chinas zu erreichen.

Trumps „MAGA“ - Make America Great Again - wird von Biden fortgesetzt. Und wie Trump dürften die gegenwärtige und künftige US-Administrationen weniger Gewicht auf kostspielige Maßnahmen gegen den Klimawandel legen als sie vollmundig versprechen. Die US-Wirtschaft braucht billige fossile Energie, um sich gegen China behaupten und von der islamischen Welt unabhängig werden zu können.

Wirtschaftliche Kraft spiegelt sich in einer starken Währung wider. Um den Abstieg des US-Dollars gegenüber dem Yuan zu verhindern, müssten die USA daher die während der Pandemie entstandenen öffentlichen Haushaltsdefizite und die globale Dollarschwemme eindämmen. Dem weichen „Carter-Dollar“ folgte der harte „Reagan-Dollar“. Doch die Federal Reserve dürfte zu einem ähnlichen Kraftakt wie in der Ära Reagan ohne grundlegenden „Reset“ des Geldsystems kaum mehr in der Lage sein.

Eine Politik der Eindämmung beschert im günstigsten Fall einen „kalten Frieden“, der von selektiver Abschottung auf vielen und selektiver Zusammenarbeit auf wenigen Gebieten geprägt ist. Im weniger günstigen Fall kommt es zum kalten Krieg, also dem Versuch gegenseitiger Beschädigung ohne militärische Kampfhandlungen. Im ungünstigsten Fall bricht ein heißer Krieg aus.

Europas Konflikt mit dem Islam

Europa hat seit der Entstehung des Islams über die Jahrtausende viele Kriege mit der islamischen Welt geführt. Die Konflikte werden sich im 21. Jahrhundert fortsetzen, allerdings mit dem Unterschied, dass Europa nur noch sehr begrenzt mit der Unterstützung den USA rechnen kann. Wie gesagt setzen diese nun einen anderen Schwerpunkt.

Ökonomisch ist die islamische Welt Europa deutlich unterlegen. Militärisch lässt sich die ökonomische Unterlegenheit aber ausgleichen, wenn der ökonomisch Schwächere auf Atomwaffen und Terror setzt. Die Atomwaffen dienen zum Schutz vor Angriffen von außen, während mit Terror feindliche Mächte auf ihrem eigenen Territorium angegriffen werden können, insbesondere wenn Terroristen als Migranten getarnt dort Einlass bekommen. Aufgrund ihres Bevölkerungsüberschusses hat die islamische Welt viele Aspiranten für Emigration und Attentate.

Auch ohne Terror kann Einwanderung aus einem fremden Kulturkreis eine Gesellschaft zersetzen, wenn die Einwanderer die Integration verweigern. Das ist insbesondere bei muslimischen Einwanderern der Fall, da in der islamischen Kultur die Loyalität mehr dem Clan und der Glaubensgemeinschaft als einer Nation oder einem Staat gilt. Bei starker Einwanderung aus dem islamischen Kulturkreis droht der „cleft state“ (gespaltene Staat). Während Europa die Entstehung von „cleft states“ verhindern muss, wird es gleichzeitig durch das orthodoxe Russland militärisch bedroht.

Anders als die USA ihre Bedrohung durch China scheint Europa den Ernst seiner Bedrohung durch die islamische Welt und Russland nicht wahr haben zu wollen. Dies gilt mehr für seinen ersten Kernstaat, Deutschland, als für seinen zweiten, Frankreich. Folglich werden sich die Randstaaten gegen die Bedrohung von ihren Nachbarn schließlich selbst wehren müssen.

Für die östlichen Randstaaten wie Polen und die baltischen Staaten heißt dies konventionelle Aufrüstung und Stärkung der NATO. Für die südlichen, ans Mittelmeer grenzenden Randstaaten wie Spanien, Italien oder Griechenland folgt daraus ein (trotz des erhobenen deutschen Zeigefingers) robuster Schutz ihrer Außengrenzen vor Migranten. Mit dem Scheitern des Kemalismus und der Islamisierung der Türkei dürfte militärische Aufrüstung auch in Griechenland wieder einen höheren Stellenwert bekommen.

Europa allein zu Haus

Die Europäische Einigung vollzog sich unter dem Schutzschirm der USA. Das erlaubte es Europa, eine kostspielige Innenpolitik zu betreiben, die von der ineffizienten gemeinsamen Agrarpolitik bis zur kränkelnden Währungsunion reichte, die nur durch die monetäre Finanzierung öffentlicher Schulden durch die Europäische Zentralbank zusammengehalten wird. Nun kommen bürokratische Programme zum Geldtransfer von Norden nach Süden und eine kleinteilige, regionale Klimapolitik dazu, die kaum einen Einfluss auf die Erderwärmung haben wird.

Das vom „Kampf der Kulturen“ bestimmte 21. Jahrhundert wird für Europa wesentlich rauer werden. Der Bedrohung von außen ist es weitgehend schutzlos ausgesetzt, während die verschleppten Binnenprobleme die Wirtschaft lähmen und die Währung aufweichen. Dafür ist sein mehr idealistisch beseeltes als realistisch denkendes und umsichtig handelndes politisches Spitzenpersonal denkbar schlecht vorbereitet. Doch ohne die Aufarbeitung der vielen verschleppten Probleme, eine Bündelung der Kräfte zur Bewältigung der geopolitischen Herausforderungen und die Rückbesinnung auf die im Christentum und in der Aufklärung wurzelnden Werte der westlichen Kultur wird Europa - und mit ihm der Westen insgesamt - zerfasern.

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